Wer in Isolationshaft sitzt…

Markus Wehner ist Journalist bei einer der angesehendsten Zeitungen in Deutschland. Der FAZ S, der Sonntagsausgabe der FAZ. Grundsätzlich darf der Leser dieser Publikation Qualitätsjournalismus erwarten. Eine Berichterstattung also, die eine gründliche Recherche voraussetzt. Leider geht die politische Argumentation Wehners, die den Titel “Wer im Baumhaus sitzt” und die umstrittene Sperrung von kinderpornografischen Internetseiten zum Thema hat, von einem falschen Vorverständnis aus.  So falsch, dass man den entweder den Eindruck gewinnen könnte, Wehner hat die Diskussion wie in Isolationshaft nicht mitbekommen oder aber er konstruiert eine Meinung. Aus welchen Gründen auch immer.

Wehner ist der Meinung, die Internetgemeinde, die er immer zu als “die Szene” maskiert, sei für Argumente unzugänglich. Sie lasse also hinsichtlich des Diskursstranges nicht mit sich reden. Darüber hinaus ist er ganz offensichtlich der Meinung, die Bloggerszene übertreibe:

Wer sich im Netz in diversen Blogs der Internetgemeinschaft umschaut oder mit deren selbsternannten Sprechern spricht, könnte glauben, Deutschland stehe kurz vor dem Abrutschen in eine Dikatur (vgl.FAZ S 5.Juli 09).

Darüber geht er soziokriminologisch von dem Faktum aus, dass das Internet maßgeblicher Motor der Pedokriminalität sei, worin er sich der Argumentation des BKA’s anschließt:

Ermittlungen gegen Tausende Konsumenten zeugen davon [Allsatz: Wie viele genau ?], dass  unter dem Kalkühl hoher Profite[Wie hoch sind die Profite, Herr Wehner?] Kinderpornographie, also geronnener Kindesmisbrauch, im Internet angeboten wird. Erst das Internet, so heißt es beim Bundeskriminalamt, mache Kinderpornografie zum großen Geschäft, das Netz sei ‘kriminalitätsbegründend’. Der Staat maßt sich nun an, den Zugang zu kriminellen Produkten zu erschweren. Für die Internet-Community ist das ein Schreckenszenario (ebd., Hervorheb. v. Gelsenkirchen Blog).

Was hier unterschwellig unterstellt wird, überlasse ich ihrer Vorstellungskraft. Nebenher springt er noch dem bedauerlich und verräterisch rumdrucksenden Dr.Dieter Wiefelspütz zur Seite, der sich von “der Szene” offenbar diffamiert fühlt.  Wehner resümiert:

Dominiert wird die Debatte von den Wortführern der ‘Szene'[Wer sind denn diese Wortführer?] , die Argumenten nicht zugänglich ist [Das ist unwahr]. Dialog ist nicht gefragt. ‘Sie sitzen im Baumhaus’, sagt ein Abgeordneter ‘ Da darf kein Erwachsener hoch’ (ebd.).

Dieser Artikel ist mit Abstand der schlechteste Artikel, den ich in der FAZS gelesen habe. Nicht weil er nicht meine Meinung trifft, sondern weil er konstruiert wirkt,wenig Belastbares anführt und die Diskussion einseitig aufzäumt. Das Spreeblick vdL. zum DIALOG eingeladen hat, diese aber absagte, unterschlägt der Beitrag. Das der SPD-Online Beirat aus Wissenschaftlern und Internetunternehmern und nicht aus Kindern besteht sowie dass dieser einfach ohne DIALOG übergangen wurde, weiß er offenbar auch nicht. Dass “die Szene”, also die von ihm als sozialpsychologisch konstruierte Quasigruppe als analytische Kategorie nicht taugt, fällt ihm ebenfalls nicht auf. Und das es Fakt ist, dass die Kinderpornografie KEIN Milliarden Markt ist und es keine mafiösen Strukturen gibt, auch nicht.  Die Frage, wohin das mit dem bösen Internet noch alles führen soll, beantwortet er nicht. Martin von Bloggin versucht es zumindest.

Ein Kommentar zu “Wer in Isolationshaft sitzt…”

  1. Feister steffen
    12. August 2009 at 12:18 #

    Ich saß vom 19.08.2004 bis zum 11.02.2005 in einer ISO-Zelle, kurz Kriseninterventionsraum genannt, es hat keinen Menschen interessiert.
    Es hat keinen interessiert das ich nur einen Slip anhatte und nur eine Matte und eine decke zum schlafen hatte. Es hat keinen interessiert das ich fast 20 kg abgenommen habe und ich fast den Verstand verloren habe weil ich von jeglicher Kommunikation abgeschnitten war. All dies ist in Deutschland möglich.Was für ein Vaterland.

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