Über die Unerträglichkeit der verhallenden Appelle

Die letzten Wochen beschäftigt ein Kriminalfall die deutsche Medienlandschaft auf besondere Weise. Nach dem spurlosen Verschwinden der Bankiersfrau Maria Bögerl strahlte das ZDF in der Fahndungssendung XY-Ungelöst einen herzergreifenden Appell der Familie Bögerl aus. “Wir appellieren an Ihre Menschlichkeit, bitte lassen Sie unsere Mama frei”, rang die Familie um Stimme und Luft. Der Mehrheit der Zuschauer – ja, vermutlich selbst den Sensationsvoyeuren – blieb beim Anblick der völlig verzweifelten, Höllenqualen leidenden Familie der Atem weg.

Vernunftgeleitetes Mitleid unterscheidet den Menschen vom Tier.

So real taten sich die Inhalte einer TV Sendung selten hervor. Die sonst abstrakt und klinisch recherchierten Kriminalbeiträge bleiben trotz guter Schauspieler stets ein Schauspiel. In diesen Beitrag aber schien die sonst für die Massenmedien induzierte Sekundärerfahrung auszubleiben. Fernsehdeutschland partizipierte am Leid und der Verzweifelung  jener zuvor unbekannten Familie, der man offensichtlich das Liebste genommen hat, was sie besaßen. Grundlos und von heute auf morgen. Als vernunftgeleitetes Mitleid lässt sich das Gefühl umschreiben, welches die Öffentlichlichkeit einen Tag darauf  medienweit thematisierte. Das reine Konsumieren von Inhalten führte bei vielen Zuschauern zur massiven Primärerfahrung. Als würden sie selbst jemanden vermissen, empfanden sie vor den Fernsehschirmen Mitleid und z.T. auch Verzweifelung.

Das Gefühl der absoluten Hilflosigkeit und des Kontrollverlustes der Familie übertrug sich auf das zusehende Fernsehdeutschland. Ein tagelanges Bangen um das Wohl der Maria Bögerl begann, verstärkt durch die anschließende Einschränkung der Berichterstattung. Wo ist die Vermisste? Was macht sie gerade? Geht es ihr gut? Denkt sie an ihre Familie? Hat sie Angst ? All diese Gedanken beschäftigten Millionen.

Bangen bis zur grausamen Gewissheit, dass Maria Bögerl nie mehr zurück kommt. Ob die Täter jemals gefasst werden, scheint sekundär. Die Gedanken sind bei der Familie, deren Appelle an die Mörder einen nun schier unerträglichen Nachhall erfahren. Die Täter stellt man sich vor wie Tiere. Ohne Umsicht, ohne Gewissen darüber, dass sie aus Gier und Egoismus, das Leben eines Menschen ausgelöscht haben  und scheinbar nicht Wissen, dass sie das Leben aller Angehörigen bis an deren Lebensende schwer gezeichnet haben.

Es gibt sie unter uns, die herzlosen und Menschen ohne Gewissen.  Das Wissen darüber, dass man sich kaum schützen kann, ist ungefähr genau so unerträglich, wie ganz  aktuell die verhallenden Appelle der Familie Bögerl.

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  1. Wo ist Annette Lindemann aus Buer? // Gelsenkirchen Blog - 3. Juli 2010

    […] der Stadt Gelsenkirchen spielt sich derzeit ein ähnlicher Fall wie bei der Heidenheimer Familie Bögerl vor ein paar Wochen ab. Auch die Hoffnung, dass die vermisste Bueranerin lebendig wiederkehrt, […]

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