retardiert, selbstherrlich und faul

retardiert, selbstherrlich und faul


In dieser Woche wurden in Gelsenkirchen an vielen Realschulen die Ergebnisse der zentralen Abschlussprüfungen mitgeteilt. Nicht alle Schüler waren immer mit dem Notenmix auf den kalten Zetteln zufrieden. “Es kommt unten eben nur raus, was Sie oben auch bereit sind reinzustecken” resümiert eine Englisch und Sowi Lehrerin im Gespräch mit Gelsenkirchen Blog.

Frau Koch [Name geändert] ist Lehrerin an einer Gelsenkirchener Realschule. Nach dem Amoklauf in Winnenden stieß sie eines Abends auf die Berichterstattung hier im Weblog. Seitdem ist sie regelmäßige Leserin, worüber ich mich sehr freue. Einige Tage nach dem Amoklauf in Winnenden bat sie um ein telefonisches Gespräch, “da sie etwas zu sagen habe”. Dem kam ich nach und aus dem Telefoninterview wurden zwei Stunden. Ich habe lange gezögert, das Interview zu veröffentlichen, da es massive Kritik an der Lehrerschaft einer Realschule gab, die im direkten Nachgang zu Winnenden, den Amoklauf hätte subjektiv rechtfertigen können. Jetzt, im Kontext der zentralen Abschlussprüfungen, steht das Interview in einem geeigneteren Zusammenhang.

Frau Koch, Sie sind Lehrerin an einer Gelsenkirchener Realschule. Ihr Traumberuf?

Im Prinzip schon. Schon als kleines Mädchen es war mein Traum Lehrerin zu werden. Heute würde ich sagen, es ist ein Scheißberuf.

Ein Scheißberuf? Sie mögen keine Kinder? Dass der Lehrerberuf -Ihrer subjektiven Empfindung nach – ein “Scheißberuf ” ist, müsste Ihnen doch schon während des Studiums aufgefallen sein. Oder kamen Sie klischeehaft das erste mal in die Klasse und dachten sich:” Ihh, hier sind ja Kinder!!”

Nein. Herr Zitzewitz, die Kinder sind nicht das Problem. Die Lehrer sind’s. Sie treffen in meinem Kollegium überwiegend auf Nullbockpersönlichkeiten, die im Alter von 44 schon an den Ruhestand denken. Die kommen Montags ins Lehrerzimmer und klagen, dass es  noch so lang hin ist bis zum Wochenende. Einigen sieht man das an, Andere sagen das ganz offen. In der öffentlichen Diskussion ist oft die Rede vom “Burn out”. Das ziehen sich vor allem die älteren Lehrer gern zur Rechtfertigung ihrer Unlust heran. Burn out setzt aber i.d.R eine hohe Arbeitsleistung voraus, die haben diese Lehrer aber bestimmt nicht erbracht. Vielen ist alles scheissegal. Dass Klassenarbeiten, weil sie so schlecht ausfallen, zum vierten Mal vom Schulleiter genehmigt werden müssen, kratzt nichteinmal an deren Ego. “Ist halt ne ‘Arschlochklasse”, so in etwa wird das dann gedreht. […] Tatsächlich aber ist das schlechte Ergebnis auch auf den hohen Unterrichtsausfall zurückzuführen. Und der ist nicht auf zu wenig Lehrer zurück zu führen, sondern auf die vorgeschobene Zerbrechlichkeit. Eine leichte Heiserkeit führt oft zu 14 Tagen Unterichtsausfall. Um Ihre Frage zu beantworten, ich mag Kinder und ich kam wohl eher in die Schule und dachte mir :”Ihh, hier sind ja Lehrer!”.

Die Realschule gilt im erziehungswissenschaftlichen Diskurs als die Ausbildungsstätte der Kaufleute und mittleren Angestellten? Glauben Sie, dass Realschüler gut auf solche Berufe vorbereitet werden? Aus dem privaten Bekanntenkreis weiß ich, dass die Inhalte durchaus ein hohes Niveau aufweisen.

Also beim hohen Niveau stimme ich Ihnen zu, es mangelt halt an der Darbietung eben dieser Inhalte auf hohem Niveau. Wenn Sie als Schüler mit den Grundlagen der Wahrscheinlichkeitsrechnung konfrontiert werden, der Lehrer aber nicht wirklich Lust hat, das schülergerecht aufzubereiten, dann nützt Ihnen das anspruchsvollste  Curriculum nichts. […] Von der Position im dreigliedrigen Schulsystem, ist die Realschule ein wichtiger Faktor in der Grundbildung. Dass an der Realschule das freie Denken gefördert wird, würde ich eher negieren.

Also bitte!?  Ich war auch mal auf der Realschule! Wollen Sie damit andeuten, dass Realschüler nicht zu freiem Denken in der Lage sind?

Das habe ich nicht gesagt. Ich sagte, dass es an der Realschule nicht unbedingt gefördert wird. […] Schüler, die die Realschule erfolgreich verlassen, sind oft sehr anpassungsfähige Persönlichkeiten. Die Schüler haben im Laufe ihrer Schulzeit gelernt, sich an die Erfordernisse der Schulform anzupassen. Die wissen genau, wann es wichtig ist aufzuzeigen und die wissen auch ganz genau, was der Lehrer gern hört. Einige Lehrer stellen von Klasse zu Klasse die gleichen Fragen. Auf dem Schulhof tauscht man dann die richtigen Antworten aus. Und schon können einige wenige glänzen. Auch bei Tests, gerade in den Nebenfächern, werden bei der Korrektur Stichwörter abgehakt und ansonsten die Rechtschreibung bewertet.  Wenn Sie in der neunten Klasse dann also die “Demokratische Monachie” von unserer Staatsform korrekt und wasserdicht abgrenzen, ohne das Wort “Monachie” zu nennen, weil es Ihnen vielleicht nicht einfällt, dann bekommen Sie dafür null Punkte, weil Sie der Anforderung der Aufgabe nicht entsprechen. Ob Sie den eigentlichen Unterrichtsstoff verstanden haben, zählt, wie Sie an diesem Beispiel erkennen können, recht wenig.  Das produziert dann Opfer, die eigentlich keine sind. Und, die sich zunächst mal auch nicht als solche fühlen. Irgendwann geht so ein System aber an die Motivation und auch Schüler mit Potential werden heruntergerissen.[…] Letztendlich sind meine Kollegen oft auch Experten im Denunzieren. Die guten Schüler sind aussen vor, werden also in ihrem Potential nicht gefördert. Die schlechten Schüler werden zur Zielscheibe herbster Kritik. “Dein Praktikumsbericht ist vergleichbar mit dem geistigen Erguss von Teilnehmern in einer Behindertenwerkstatt.” , bescheinigte eine Kollegin einem schwachen aber bemühten Schüler.  Der war natürlich am Boden zerstört, weil er über viele Wochen an dem Bericht gearbeitet hatte. Die Aufmachung und die Mühe, vor allem aber der geschilderte Inhalt zählt nicht. Ursache für die Stigmatisierung als “behindert” war eine –  zugegeben – abenteuerliche Zeichensetzung. Die Idee und die geschilderten Tagesberichte waren aber durchaus interessant und keineswegs einfältig. Was ist so schwierig daran, einen freundlichen Kommentar zu formulieren?  z.B. “Lieber David, dein Pratikumsbericht ist einsame Spitze! Ich kann mir nun richtig gut deinen Aufgabenbereich im Praktikum vorstellen. Leider machst du noch viele Fehler, die deine Wirkung als Fachmann ein bisschen schmälern. Das musst du unbedingt noch üben. Ansonsten ein sehr schöner Bericht.” Derartige Lehrer machen viel kaputt. Es ist ein Unding, dass ich mir an einer staatlichen Schule über soetwas überhaupt Gedanken machen muss. Sie gehören eigentlich aussortiert. Sie sind retardiert, selbstherrlich und faul.

Frau Koch, Sie fahren harte Geschosse auf. Um das Ganze ein wenig zu differenzieren: Sind denn alle so? Und ist das Ihrer Auffassung nach ein spezifisches Problem der Realschule ?  Berichten Sie von Einzelfällen ? Können Sie das ein wenig quantifizieren?

Nun, ob das ein Problem ist, das alle Schulen betrifft, kann ich nicht sagen. Ich bin ja nur Lehrerin an einer Realschule. In meinem Referdariat habe ich das an einer anderen Realschule auch so mitbekommen, nur nicht soo krass, […] schließlich ist man da auch noch ein wenig außen vor. In meinem Kollegium sind schätzungsweise 60 Prozent der Lehrer für den Beruf m. E. absolut nicht geeignet. Ich finde, das kommt einer Katastrophe recht nahe. […]

Nun ist der Amoklauf an der Realschule in Winnenden gerade erst in der Presse zum Sinnbild einer von Egoshootern und Killermedien geprägten Jugendkultur stilisiert worden. Wie stehen Sie dazu ?

Jetzt befinden wir uns an einer gefährlichen Gabelung unseres Gesprächs. Sie dürfen in Ihrem Blog nun nicht den Eindruck erwecken, dass meine Kritik an der Arbeitsmoral meiner Kollegen zu solchen Amokläufen führt. Das ist absurd. Aber: Eine Gesellschaft, die Pseudoverlierer produziert, muss sich über Kurzschlussreaktionen dieser Art nicht wundern. Strukturen, wie ich sie gerade erläutert habe, leisten da sicherlich auch ihren Beitrag. Egoshooter, kaputte Verhältnisse, schlechter Umgang und Perspektivlosigkeit ebenfalls.

Liebe Frau Koch, vielen Dank für das Gespräch.

Ich danke auch für Ihre Zeit.

(Bild cc -by) : Clinical Depression by Juliane.hide.

4 Kommentare zu “retardiert, selbstherrlich und faul”

  1. Taner
    5. Juni 2009 at 19:08 #

    Die Lehrerin ist mir sympathisch. Ich würde die Ansichten teilw. teilen und zwar als Schüler, der jetzt in die 11. Klasse geht und die Realschule jetzt hinter sich bringt…noch 2 Wochen :P.

  2. The Doctor
    6. Juni 2009 at 04:15 #

    Ich nenn jetzt mal keine Namen, aaaaber ich kann mir vorstellen von welcher Realschule diese Dame kommt!!

    Ich gebe z.Z. nem 13-jährigen Siebtklässler Nachhilfe in den wichtigsten Hauptfächern also Mathe/English/Deutsch/Biologie und, wenn es in den Nebenfächern Not tut, auch dort!

    Und es hat große Not!

    Man mag es kaum glauben, aber seine Klasse hat in kaum einem der Hauptfächer seit Klasse 6, mehr als 30% der, vom Curriculum geforderten, und in den Lehrbüchern vermittelten, Inhalte, besonders deutlich wird das in English und Biologie, innerhalb eines Schuljahres geschafft!

    Man muss sich das mal vorstellen, gerade im Hinblick darauf, dass am 16.06. die Noten stehen müssen, da dann Zeugniskonferenzen sind, dass im Englishbuch 6 zu lernende Units stehen und diese Klasse imo gerade mal bei Unit 4 angelangt ist! D.h. die letzten zwei Units werden vermutlich unter den Tisch fallen, weil sie zeitlich gar nicht mehr zu bewerkstelligen sind, besonders, da nach den Schreiben der letzten Klausur bei fast allen Schülerinnen und Schülern die Luft raus ist!

    Im letzten Schuljahr haben sie sage und schreibe 1 Klausur in English geschrieben!
    Auch da ist damals der Rest des nicht geschafften Stoffes einfach weggefallen.

    In Biologie ists noch schlimmer!
    Da haben sie in diesem Jahr gerade mal die zwei Themen “Der Wald und seine Bewohner” und das Thema “Drogen und Drogenkonsum” durchgenommen!
    Für die anderen 5 in dem Lehrbuch vorkommenden Themen ist anscheinend keine Zeit gewesen und wird wohl auch weiterhin keine Zeit bleiben!

    Die von ihr angesprochene Thematik der Lustlosigkeit unter dem Lehrpersonal ist an besagter Schule (davon ausgehend, dass es sich um diesselbe Schule handelt) ein großes Problem!

    Ich hörte, durch die Eltern meines Nachhilfeschülers, von versch. Lehrern, die mitunter 3-7 Wochen in den Krankenschein gehen, dann mal 2 Wochen da sind und danach wieder in den nächsten Krankenschein verschwinden.
    Einer von ihnen geht jetzt am Ende des laufenden Schuljahres in Pension/Rente und hat seine Klasse kaum in diesem Jahr gesehen – geschweige denn unterrichtet!

    An Vertretungslehrern mangelt es dort ebenfalls, da, laut Aussage des Direktors dieser Schule auf dem letzten Elternabend, einfach kein (nicht genug) Geld da sei, um diese zusatzlichen Stunden/zusätzliche Hilfskräfte zu bezahlen!

    Ergo fällt in einer Tour der Unterricht in verschiedenen Fächern über Wochen aus, ohne, dass eine Besserung in Sicht wäre!

    Ganz schlimm wird es wohl werden, wenn diese Klassen später mal den Stoff lernen sollen, der auf dem Jetzigen aufbaut, da dieser Grundlage für alles in den nächsten Jahren Folgende ist!

    Wird wohl übel werden, wenn die Kids dann sagen:
    “Satz des Pythagoras?” “Können wir nicht!”
    “Wir haben grad mal das Ein mal Eins gelernt!”
    oder
    “Present Perfect Progressive?”
    “Wasn dat?” “Kennen wir nicht?”….

    Ich seh da schwarz!

    Und dann wird’s demnächst bei PISA wieder heißen:
    “Die in der BRD haben wieder mal so unglaublich schlecht abgeschnitten!”

    Kein Wunder sag ich da nur….

    So long,
    The Doctor

  3. Nicetrise
    9. Juni 2009 at 00:39 #

    Also ich kann dem geschilderten durch diverse Erzählungen einiger Freunde und Bekannte nur zustimmen. Ich persönlich hatte das große Glück, an eine Schule zu kommen, die (als ich eingeschult wurde) erst 2 Jahre bestand hatte, und das Alter der Lehrer im Durchschnitt bei 34,5 lag. Meine beiden Klassenlehrer waren als sie unsere Klasse übernommen hatten 28 und 29. hoch motiviert und sehr interessiert an der speziellen Herangehensweise meiner Schule.

    Vom Stoff her kann ich sagen, dass das wichtigste ankam. Man hat zwar einen gewissen Unterschied gemerkt, als Schüler von Gymnasien und Realschulen auf unsere Gesamtschule wechselten, doch zwei Jahre später hat nur ein Schüler von (dann in der Oberstufe) einer anderen Schule ein besseres Abi gemacht als ich.

    Damit möchte ich sagen, dass bei uns besonders darauf Wert gelegt wurde, noch motivierte und junge Lehrer einzustellen, keine Pension-Warteräume einrichten zu müssen, aber trotzdem auch zum teil erfahrene Lehrer einzustellen, die aber eben nicht ihrem Alter geschuldet nach 30 Jahren Hauptschule im burn-out hängen.

  4. Andre
    9. Juni 2009 at 23:49 #

    Dazusag ich einfach nur http://www.youtube.com/watch?v=o9grJ-09KRM 😀

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