Oh du schöne (Schleich-) Werbung?

Oh du schöne (Schleich-) Werbung?

 

Die WAZ Gelsenkirchen hyped auf ihrem Titel Tannenbaum Verkäufer. Leider nur einen.

Was erwarten Sie morgens, wenn Sie den Titel des Lokalteils Ihrer Zeitung aufschlagen? Eine ganzseitige Lobhudelei eines Anbieters toller Waren oder doch eher – dem Funktionsnutzen einer Tageszeitung folgend – Nachrichten?  Falls Sie zu Letzterem tendieren, sollten Sie Ihr Abo bei der WAZ überdenken. Dort nimmt man es, so vermute ich, mit dem journalistischen Gebot der Trennung von Redaktion und Werbung seit Neuestem nicht mehr so ganz genau.

Wenig Information und viele werberelevante Details über eine Gärtnerei in Gelsenkirchen.

Doch der Reihe nach. In der Ausgabe der WAZ am Montag rührt Redakteur Felix zur Nieden unter dem Aufmacher “Oh Tannenbaum” kräftig die Werbetrommel für eine Gärtnerei aus Gelsenkirchen, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Tannenbäume zu verkaufen. Prinzipiell ist daran nichts verwerflich, wenn die Gärtnerei diese Werbung ordnungsgemäß bezahlt, die Redaktion diese Anzeige als eine solche kennzeichnet und sie auf die dafür vorgesehenen Flächen platziert. Leider ist das bei der WAZ Gelsenkirchen im Falle dieser Gärtnerei ganz anders ( siehe Bild links).

Der Artikel erweckt aufgrund dieser promienten Platzierung den Eindruck, dass es in Gelsenkirchen nur eine Gärtnerei gibt, die Tannenbäume veräußert. Außerdem liest sich der Text wie von einem (schlechten) Werbetexter formuliert und gibt werbliche Details zur Gärtnerei preis, die mit einer Lokalberichterstattung herzlich wenig zu tun haben, wohl aber Aufschluss über das umfassende Leistungsportfolio der gehypten Gärtnerei geben. Zunächst einmal weiß die WAZ um die diffizielen Kaufgewohnheiten der Gelsenkirchener Tannenbaum Konsumenten und beruhigt die Leserschaft, mit einem Hinweis, wo es tolle Bäume zu kaufen gibt:

“In Gelsenkirchen werden Sie bei Einem aber ganz sicher fündig: [Name des Gärtnereibesitzers] und sein Team der Friedhofsgärtnerei [Name der Gärtnerei] am Friedhof an der [Straßenname und Stadtteil]”(vgl. WAZ GE, 19.Dezember 2011, Entfremdungen Gelsenkirchen Blog).

Dann referiert zur Nieden die großen Anstrengungen, die es gekostet hat, die “tausend” Tannenbäume aus dem Sauerland nach Gelsenkirchen zu bringen. Ebenfalls erfährt der Leser, dass der vergangene, verschneite Winter dazu geführt hat, dass der Tannenbaum-Verkauf fast zum Erliegen kam. Ach ja, und auch in diesem Jahr dürfe es nicht mehr zuviel regnen, da sonst der LKW im Matsch versinke. Nur gut, dass dieser Winter bisher als einer der verregnetsten aufgefallen ist, Herr Redakteur.

Marienhospital ist Kunde der Gärtnerei und nimmt in diesem Jahr eine Nordmanntanne ab.  

Nun wäre ja eine Gärtnerei keine Gärtnerei, wenn Sie nur Tannenbäume verkauft. Dann wäre die Gärtnerei ja eine Tannenbaum Verkaufsstelle, wovon es – nebenbei bemerkt – ganz ganz viele in Gelsenkirchen gibt. Darauf möchte der Redakteur die Gärterei aber nicht reduzieren:

“Auf dem großen Gelände der Friedhofsgärtnerei lagern Bäume, so weit das Auge reicht. ‘Dabei ist die Hälfte schon weg’, verrät der Chef.’ Fein sortiert nach Größen warten die Bäume da auf Käufer, wo sonst Frühbeetkästen und Grün für die Kranzbinderei lagen” (vgl. WAZ GE, 19.Dezember 2011, Hervorhebung Gelsenkirchen Blog).

Bei der ebenfalls prominenten Online-Berichterstattung hat man der Gärterei sogar eine Fotostrecke gewidmet, ganz ohne darauf zu verzichten, die Kundennamen klar und deutlich abzubilden.

Auch Sonderwünsche nimmt die Gärterei entgegen. Logisch!

“Klar, dass auch außergewöhliche Kundenwünsche gerne erfüllt werden. ‘Drei Kunden bestellen immer eine Kiefer’ “(ebd.), gibt der Chef als nachrichtenrelevantes Detail zu Protokoll. Falls Sie liebe Leser, jetzt Lust bekommen haben, noch ganz ganz schnell einen Baum zu besorgen , dann brauchen Sie “[…] keine Angst zu haben, bei [Name der Gärtnerei] keinen mehr zu bekommen. ‘Einige Mitarbeiter sind gerade im Sauerland und bringen noch einmal 400 Stück’ ” (vgl. ebd. Entfremdungen Gelsenkirchen Blog).  Der Bericht schließt mit der Information, dass die Gärtnerei die Öffnungszeiten verlängert hat und nun auch am Sonntag bis 17 uhr  der richtige Baum ausgesucht werden kann. Und all das im Nachrichtenteil der WAZ Gelsenkirchen.

Leserbriefe müssen ganz offensichtlich mit der Meinung der Redaktion konform gehen.

Meinen Leserbrief, indem ich auf diesen Umstand in Kurzfassung hinweise, hat die Redaktion nicht abgedruckt. Das war wohl zu kritisch. Aber das macht nichts, ich füge ihn einfach hier ein:

“Lieber Herr zur Nieden, verehrter Herr Pothoff, ich bin entsetzt und erstaunt zugleich mit welcher Dreistigkeit Ihre Berichterstattung  „Oh Tannenbaum“ die Dienstleistung nur einer Gärtnerei werblich anpreist. Sie erwecken auf der Titelseite des Gelsenkirchener Teils – die meiner Auffassung nach zum Abdruck der wichtigsten Meldungen mit Nachrichtenwert dient– den Eindruck, dass ausschließlich besagte Gärtnerei in Gelsenkirchen Tannenbäume liefert. Darüber hinaus legen Sie in der Berichterstattung einen Kundenkreis der Gärtnerei offen. In der Fotostrecke der Online Berichterstattung bilden Sie einen Adressaten deutlich lesbar ab. Welchen Mehrwert erhalten die Leser durch diese Informationen? Auch die Formulierungen sind werblich. Aus meiner Sicht hätten Sie die ganzseitige Titelanzeige als eine solche kennzeichnen oder aber auch andere Gärtnereien in die Berichterstattung einbeziehen müssen.  So hingegen ist – meiner Auffassung nach – das Gebot der Trennung  von Redaktion und Werbung – zuvorkommend formuliert – empfindlich gestört.”

Aber ich habe Verständis dafür. Schließlich kann man als Redakteur nur einem ein richtiges Geschenk bereiten. Hoffentlich. Und, dass die WAZ Gelsenkirchen auf kritisches Nachfragen von mir nicht reagiert, das ist ja nichts Neues.

(Fotos: Tannen (cc) by gurdonark  Titlescheme: Gelsenkirchen Blog)

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5 Kommentare zu “Oh du schöne (Schleich-) Werbung?”

  1. Franz Przechowski
    21. Dezember 2011 at 18:34 #

    WAZ Lokal – bis zum Stadtspiegel ist es nur noch einen Schritt
    Ich weiß ja sehr wohl, wo ich lebe und das in GE die Nachrichtenlage nicht mit München, Hamburg oder Berlin vergleichbar ist. Dennoch sind meine Erwartungen als Abo-Bezieher, der seit 35 Jahren auch die qualitative Entwicklung des Lokalteiles kennt, schon lange nicht mehr erfüllt. Noch z.Zt. der Buerschen Zeitung war eine deutlich zunehmender Hang zur Banalität in der WAZ zu spüren. Nachdem die BZ eingestellt wurde und es keinen Konkurrenten mehr gab, ist es vorbei mit ernst zu nehmender Berichterstattung. Flach, banal, beliebig und nun auch noch Hofberichte geneigter Anzeigenkunden oder über Schalke 04. Mein Gott, wie der Armutsbericht der Sozialverbände heute verkündet ist das Ruhrgebiet, expliziet Gelsenkirchen, tendenziell am stärksten gefährdet. Ich behaupte, daß gilt nicht nur für das Materielle. Mangelndes Niveau, gleich bei welcher Sache, kann auch als Armut beszeichnet werden. Bleibt nur noch ein Glückauf und frohe Weihnachten

  2. Tschoepe
    22. Dezember 2011 at 00:39 #

    Da kann ich Herrn Przechowski nur zustimmen. Einzig: die WAZ ist schon lange tot – sie wandelt nur noch, riecht komisch und lässt einem schlecht werden. Die hier vorgestellte Werbung ist nur mal wieder ein herausragendes Beispiel dafür – aber in seiner unverschämten Offensichtlichkeit doch schon wieder besonders.
    Vielleicht sollte Felix zur Nieden doch beim Lokalsport bleiben – da fallen solche “Geschenke” nicht so sehr auf / sofort auf / aus der Reihe.

  3. Volker S.
    26. Dezember 2011 at 19:10 #

    Hut ab, für eine Webeanzeige in dieser Größe wären aber ein paar Euronen fällig……..

  4. Dr.Wolfram Schnieders
    26. Dezember 2011 at 21:18 #

    Lieber Herr Zitzewitz, Sie werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gelesen haben, welcher Leserbrief an Stelle des Ihrigen zu diesem Artikel veröffentlicht wurde. Eine Stilkritik hat bei der WAZ Gelsenkirchen den Vorzug vor Ihrer Fundamentalkritik erhalten. Oh Wunder! Aber nun, ich möchte es Ihnen nicht vorenthalten, falls es Ihnen entgangen ist:

    “O je, nun hat das amerikanische Christmas zu Weihnachten auch den Blätterwald erreicht. Dabei sollte doch die Presse auf ein korrektes Deutsch achten.
    Wie einige Tage zuvor bei der WAZ-Anzeige “Oh du fröhliche” nun “Oh Tannenbaum”. O ist eine Interjektion. Wenn sie allein steht und Nachdruck trägt, wird sie mit h geschrieben: Oh, wie ist das schön! Oh, war das eine Freude! Sonst ohne h: o nein, o Gott, o ja, o weh, o wie schön, o du fröhliche, o Tannenbaum! Im Gegensatz dazu kennt die englische Sprache nur das oh (gesprochen ou) Oha!” (vgl. Wilhelm J. in WAZ Nr.297 vom Mittwoch den 21.Dezember 2011)

  5. Dennis
    31. Dezember 2011 at 14:43 #

    Das hab ich auch gelesen 🙂 Aber danke für die Dokumentation.

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