Multikulti gescheitert?

Ich habe meine Jugend in Gelsenkirchen-Bismarck verbracht und bin mit Türken, Libanesen, Albanern, Jugoslaven, Polen, Russen und natürlich auch Deutschen groß geworden. Es wäre eine dreiste Lüge, wenn ich behaupten würde, dass es niemals Probleme mit Migranten gab. Vor allem vor den Libanesen hatte ich als Kind große Angst, weil sie auf nichts anderes aus waren als auf “Kloppe”. Doch die Kinder von früher sind erwachsen geworden. Einige von ihnen sind wurden Maurer, andere arbeiten im Gerüstbau. Wieder andere – zugegeben die Minderheit – hat Gelsenkirchen verlassen, um Medizin und Pharmazie zu studieren.

Viele treffe ich heute noch zum Joggen oder zufällig auf ihrem Weg zur Teestube. Alle sprechen gutes Deutsch und ich empfinde es persönlich als herben Verlust, dass ich trotz meines Aufwachsens mit Türken nur ein paar Brocken Türkisch verstehe. In meinem nahen Umfeld ist niemand arbeitslos geblieben. Ein Grund dafür sind wahrscheinlich die intakten Familienverhältnisse und nicht etwa die deutsche Schulausbildung. Viele Deutsche, die aus Problemfamilien stammen und mit mir die Grundschule besuchten, trifft man hier in Bismarck ebenfalls noch an. Allerdings weitgehend perspektivlos mit der Bierflasche in der Hand. Und auch wenn das Beispiel konstruiert klingt und keineswegs den Anspruch auf  Repräsentativität erhebt, bildet es eine Sequenz komplexer sozialer Realität ab, die ins Zentrum der Integrationsdebatte gehört.

Integration ist auch eine soziale Frage und nicht nur eine der Ethnie oder der Religion.

Wenn Angela Merkel sich vor die Junge Union stellt und propagiert, dass Multikulti gescheitert sei, dann kommuniziert sie damit nicht nur einen fatalen Fehlschluss, sondern sie diskreditiert und diskriminiert auch alle Migranten, die sich hervorragend in die deutsche Kultur und Wirtschaft integriert haben. Multikulti ist Vielfalt. Multikulti ist Völkerverständigung direkt vor der Haustür. Multikulti ist die Entscheidung, ob wir in der Mittagspause beim Chinesen, Türken, Inder, Griechen, Jugoslaven, Mongolen oder Japaner essen gehen. Multikulti ist Toleranz. Und: Multikulti ist nicht gescheitert. Im Ruhrgebiet nicht und vor allem nicht in Berlin. Soziologisch definiere ich den Begriff “Multikulti” als ein Prinzip sozialer Ordnung. Und wenn dieser Modus – so wie Merkel sich äußert – gescheitert wäre, dann könnte sie derartige Reden wohl nur im Bunker halten. Die Abwesenheit von Multikultur in Deutschland würde Bürgerkrieg bedeuten. Die Abwesenheit von Multikultur würde Deutschland ins direkte Mittelalter versetzen. Polemisch formuliert also genau in jenes Zeitalter, für das die CDU glaubt Lösungsansätze zu liefern.  Selbstverständlich existieren Integrationsprobleme in Deutschland, doch haben diese nur wenig bis überhaupt nichts mit dem Scheitern von Multikultur zu tun, sondern mit dem Scheitern von Schul- und Sozialpolitik.

Integration ist ein kommunales Thema.

Es ist absurd und es ist für das Jahr 2010 unwürdig, wie Sarrazin darüber zu reflektieren, ob alle Juden ein bestimmtes Gen teilen. Vielmehr macht es Sinn darüber nachzudenken, wie es den Kommunen ermöglicht werden kann, auf einem pädagogisch professionellen Niveau kostenlose und ansprechende Sprach- und Integrationskurse anzubieten. Es ist Aufgabe der Regierung zu verhindern, dass Schulklassen einen Ausländeranteil von über 80% aufweisen. Es ist Aufgabe dieser Regierung Strukturen zu schaffen, die eine freiheitlich demokratische und intellektuell stimulierende Sozialisation von ethnisch und sozial heterogenen Individuuen begünstigen. Und es wäre eigentlich die Aufgabe der Regierung, die positiven Beispiele der Integration, die es tausendfach in Deutschland gibt, zu suchen und öffentlich zu hofieren. 

Zugewanderte Migranten etwa, die heute nach einem Studium als Arzt oder selbständige Unternehmer in Deutschland arbeiten und leben, wären treffende Beispiel. Vorbilder, die es den zuschauenden Migranten schmackhaft machen Anteil an deutschen Werten und Kultur zu nehmen, ohne dabei die eigene zu verleugnen. Alles, was den Integrationsexperten der Regierung aber einfällt, ist es, den Gelsenkirchener und damit Deutschen Mesut Ösil als Beispiel für gelungene Integration heranzuziehen. Darüber hinaus ist das Vorbild anschaulich erwählt, weil Fußballmillionär schließlich neben Dönerbudenbesitzer eine Allweltskarriere ist. Einen Deutschen für gelungene Integration heranzuziehen mag entweder daran liegen, dass alle CDU/CSU-Politiker ein Intelligenzverhinderungs-Gen teilen oder – was wahrscheinlicher ist – dass man sich einfach für gute Presse revanchieren wollte. Philipp Rösler jedenfalls hat ScheisseGlück (EINWORT) gehabt, dass er Angies neues Parfüm nicht gelobt hat.

Auch Spreeblick äußert sich zu diesem Thema. Etwas weniger Mainstream ist ein Artikel, den ich bei Spreeblick gefunden habe mit dem schönen Titel: ” Jaja, Multikulti ist tot. DeiGsicht ist auch tot; schau mal, wie du stinkst. Du Fickfresse. Eine Analyse.”

(Foto: CC by michfiel)

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  1. Der Ruhrpilot | Ruhrbarone - 19. Oktober 2010

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