Marler Dorfnutten

Ach ne, was ist die Welt doch ungerecht. Von Beverly Buer angefangen über Polsum bis hin ins feine Marl gilt ja gemeinhin die Vorstellung, dass es mit der Moral und dem Niveau ja weitaus besser bestellt ist als in den urbanen Vierteln wie Bismarck oder gar in der Gelsenkirchener Innenstadt. Von einigen nahen und entfernten Bekannten aus diesen vermeintlich feinen Gefilden wird Bismarck als Rotlichtbezirk tituliert, weil es dort einen Straßenstrich gibt und dort statt Mülltonnen auch schon mal die Verrichtungswohnwagen brennen. Nun aber scheint der Gott der käuflichen Liebe “eros oeconomicus” Mitleid mit meinem Stadtteil zu haben.

Im feinen Marl, direkt an der B225, bildet sich nämlich seit einigen Monaten ein florierender Straßenstrich mit gut einem dutzend Frauen. Und dies versetzt die Behörden in Marl, Recklinghausen und Herten in helle Aufregung, wie man bei DerWesten nachlesen kann:

“Den drei betroffenen Städten ist das Thema unangenehm. Man habe eine Zusammenarbeit vereinbart, heißt es aus den Rathäusern. Es gebe Handlungsbedarf, aber über Details will man nicht reden. Aus gutem Grund. Eine Vorlage für ein Verbot sehen die Rechtsabteilungen der Städte genau so wenig die Polizei”  (vgl. DerWesten).

Wäre ja auch zu schön, wenn “das älteste Gewerbe der Welt” im feudalen Städtedreieck juristisch einfach so verboten werden könnte. In der ganzen Aufregung finden sich die Behörden noch nicht einmal lächerlich, wenn sie aus gewöhnlicher Prostitution ein scheinbar unlösbares Problem konstruieren. Dass die Berichterstattung bei DerWesten.de direkt auf die fiskale Problematik abhebt, dass das Einkommen der meist osteuropäischen Damen nur schwierig zu taxieren sei, lässt tief blicken. Zumindest klingt es es wenig philanthropisch zunächst darüber zu berichten, welchen Problematiken sich das Finanzamt ausgesetzt sieht.

” “Beim Geld hört der Spaß auf“, heißt es im Finanzamt. Wer sich nicht gemeldet hat, ist ein Fall für die Steuerfahndung und muss auch damit rechnen, dass er/sie am Arbeitsort angesprochen wird. Ein Einnahmen-Ausgaben-Buch erwartet die Finanzbehörde (Schutzgelder für Zuhälter sind übrigens nicht absetzbar). Ob Straßen-Prostituierte immer die wahren Zahlen angeben, kann nur schwer überprüft werden. Aber es müssen gegebenenfalls steuerliche Vorauszahlungen geleistet werden, der Steuerbescheid wird dann an den Wohnort geschickt. Über Probleme der Eintreibung will das Finanzamt nicht reden” (vgl.ebd.).

Eine gehaltvolle Auseinandersetzung mit Prostitution hat grundsätzlich zwei Komponenten: Die gesellschaftliche Frage nach dem Bedarf  und die mikrosoziologische Perspektive nach den individuellen Begründungsmustern der Angebote. Letzteres lässt – nicht immer aber meistens – in Lebenskarrieren Einblick nehmen, die die meisten Finanzbeamte wahrscheinlich nur aus dem Tatort kennen. Ich finde die öffentliche Auseinandersetzung der drei Städte im neuen Dorfnuttenparadies an der B225 daher schon fast peinlich.

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6 Kommentare zu “Marler Dorfnutten”

  1. Sonja
    24. Oktober 2010 at 14:23 #

    Dein Artikel ist n bissel spät 🙂 Nach der Razzia vor gut einer Woche steht dort niemand mehr. Wer weiß wie lange.

  2. Jörg
    24. Oktober 2010 at 18:26 #

    Der Hinweis darauf, dass Schutzgelder für Zuhälter nicht absetzbar sind, ist ja wohl mehr als nur geschmacklos.

    @ Sonja: Wer weiß wie lange, ist genau die richtige Fragestellung. Bis die Presseberichte aufhören.

  3. tock
    27. Oktober 2010 at 13:10 #

    “Im feinen Marl”? Hahaha…Brüller! Man könnte fast meinen, Du schreibst über ein Kleinstadtidyll mit malerischem Altstadtkern, davon ist Marl allerdings weit entfernt. Ist halt eine ganz normale Ruhrgebietsstadt. Mal davon abgesehen, gibt es sowohl in Recklinghausen (direkt hinter dem Hauptbahnhof und für jedermann gut sichtbar) als auch in Herten Rotlichtbezirke. Ich glaube ein Straßenstrich würde in jeder 80000-Einwohnerstadt auffallen und eventuell auf Widerstände stoßen, oder?

  4. Dennis
    27. Oktober 2010 at 18:08 #

    @ tock: Der Beitrag ist nicht gänzlich frei von Ironie 🙂

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