Lieber Rüdiger Oppers,

ich weiß nicht, wie sie sozialisiert wurden, aber meine Eltern haben mich so erzogen, dass ich mich in Ausnahmesituationen stets auf die Seite der Schwächeren schlage. Menschen, die am Boden liegen – ganz gleich ob selbst verschuldet oder unverschuldet – denen reiche ich die Hand. Menschen, die am Boden liegen, die tritt man nicht. Ein Gebot der Straße, das ganz augenscheinlich noch nicht in die Chefetage der NRZ vorgedrungen ist. Ihr Kommentar zu Adolf Sauerland empört mich. Denn: Adolf Sauerland  liegt seit dem grausigen Ausgang der Loveparade am Boden. Ein ganzes Land ruft auf zur medialen Steinigung eines Oberbürgermeisters, der sich die tragischen Umstände ebensowenig erklären kann, wie Heerscharen kopfloser Sensationsjournalisten oder – zu diesem Zeitpunkt – die federführend ermittelnde Staatsanwaltschaft. Über die komplexen Zusammenhänge von Schuld und Verantwortung im Falle der Ereignisse auf der Loveparade wissen wir nichts. Und Sie, der Chefredakteur der NRZ,  treten völlig haltlos nach!

Falls Sie das Gelsenkirchen Blog kennen – was ich nicht glaube – wissen Sie, was ich über CDU Politik denke und was ich von Politikern halte, die mit Sekundenkleber im Amtssessel fixiert sind. Im Falle von Adolf Sauerland müssen wir, aber vor allem müssten Sie, als wichtiger Redakteur einer unabhängigen und auflagenstarken Tageszeitung, von Parteiideologien und politischen Querelen abstrahieren und dem Leser die objektiven Fakten aufbereiten, damit dieser sich eine eigene Meinung bilden kann. Ihr Kommentar zum TV Interview Sauerlands hingegen ist Agitation, ja, aus meiner persönlichen Sicht, gar Hetze auf einen Menschen, der ohnehin schon seine Familie aus der Stadt bringen musste, um sie vor angedrohten Übergriffen zu schützen und selbst Mordrohungen erhält. Sie befeuern aus meiner persönlichen Sicht, als Chefredakteur der NRZ, die Hetzjagt auf einen Mann, von dem wir alle nach aktueller Sachlage nicht einmal wissen, ob Schuld im moralischen Sinne überhaupt adressiert werden kann. Es gilt die Unschuldsvermutung, bist die Schuld bewiesen ist. Und für Sie, Herr Oppers, gilt der Pressekodex, den sie nach meinem persönlichen Empfinden mit Füßen treten. Sie interpretieren die Bestellung eines PR Beraters für Krisenkommunikation als den Versuch Sauerlands, seinen Ruf auf Kosten der Steuerzahler zu retten (“Auf Kosten der Steuerzahler versucht er seinen Ruf zu retten“). Ich interpretiere die Bestellung von Kommunikationsspezialisten als einen legitimen Versuch, dem kopflosen, stillosen und unmenschlichen Absondern und Abschreiben von Sensationsjournalisten professionell entgegen zu treten. Es geht nicht nur um den Ruf des Oberbürgermeisters und seiner Stadt Duisburg, sondern inzwischen um dessen leibliches Wohl. Sie als Chefredakteur haben dies allerdings noch nicht erkannt und schlagen auf dem Kommentatorenniveau von derwesten.de in die Kerbe der Treibjagd. Wenn gedruckte Worte Waffen sind, haben Sie die Kontrolle über ihren Panzer, mit dem Sie auf gefesselte Spatzen schießen, verloren.

Sauerlands Leben und das seiner Familie ist durch die geradezu perverse Hetzjagd einiger Medien ohnehin für immer gezeichnet. Ihr Kommentar verlässt aus meiner Sicht die Grenzen des Ertragbaren. Sie sollten vielleicht die Chefredaktion mit der Straße tauschen. Ich wünsche Ihnen sehr, dass sie dort auf Menschen treffen, die anders sozialisiert wurden als Sie.

Dieser offene Brief bezieht sich auf einen Kommentar des Chefredakteurs der NRZ, Rüdiger Oppers,  zum TV Interview von Adolf Sauerland anlässlich der Loveparade Tragödie.

,

Ein Kommentar zu “Lieber Rüdiger Oppers,”

  1. La Claudine
    18. August 2010 at 12:05 #

    Bin ganz deiner Meinung. Ich war auch entsetzt von den Kommentaren des Moderators auf Radio Essen. Wenn auch “nur” Lokalradio finde ich, dass eine gewisse journalistische Objektivität gewahrt werden sollte. Stattdessen wurde tagelang jeden Morgen “Sauerland-Bashing” betrieben, obwohl die Frage nach Schuld oder Verantwortung immer noch nicht geklärt ist.

Schreibe einen Kommentar

Sagen Sie Ihre Meinung! Ihre Email Adresse wird nicht veröffentlicht.