Frontal tendenziös

Frontal tendenziös

Gelsenkirchen und die Medien.

Frontal 21 berichtet über die S04 Finanzmisere.

Es ist schon eine Weile her, aber ich werde es wohl nie mehr vergessen. Es muss 2006 gewesen sein, als auf meinem Handydisplay eine unbekannte Nr. erschien. Ich meldete mich mit meinem Namen und eine sehr freundliche Dame gab sich als Redakteurin eines renommierten Nachrichtenmagazins aus. Sie stellte die Frage, ob ich mich in Gelsenkirchen auskenne und kundig genug sei, einem Reporterteam zwei Tage lang die schandhaftestesten Ecken Gelsenkirchens zu zeigen. Meinen “Aufwand” wollte man mit einem mittleren dreistelligen Betrag honorieren.

Ich kam mir verarscht vor und schlug aus, sagte der Dame aber noch: “Rufen Sie wieder an, wenn ich Ihnen die schönsten Ecken zeigen soll”. Seitdem bin ich sensibilisiert, was die mediale Berichterstattung über die Stadt Gelsenkirchen angeht. Presseanfragen dieser Art gab es danach noch häufiger, allerdings stets ohne Honorarangebot.

Dies zeigt vor allem, dass eine breite Anzahl von Medien offenbar ein Interesse daran entwickelt hat, Gelsenkirchen als die Hochburg des Prekariats zu stilisieren. Auch der ZDF-Bericht  des Magazins Frontal 21 zur S04-Finanzmisere zeichnete gestern ein düsteres Bild der Stadt.
Tenor: Die marode Stadt, die genauso pleite  ist wie ihr Fußballverein ( Ich habe diese Assoziationskette vorausgesagt), nutzt Steuergelder, um Fußballprofis zu mästen. Dabei sind, nach Auffassung der Reporter, offenbar der Straßenausbau, das Sozialticket  und andere soziale Investitionen notwendiger.

O-Ton:

“Denn das marode Gelsenkirchen hätte anderes zu tun, als seine reichen Fußballprofis zu mästen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei etwa 15% . Die Bewohner gehören zu den Ärmsten in ganz Deutschland. Und die Finanzlöcher der Stadt sind noch weit größer, als die auf den Straßen.” (vgl. Frontal 21, 10.11.2009)

Soso, ich gehöre also zu den Ärmsten in ganz Deutschland. Jedenfalls habe ich genug Hirn, um den Beitrag für mich persönlich als tendenziös, pauschal und – folgt man den Berichten der lokalen Medien – falsch zurückzuweisen. Denn anders als es der Beitrag von Frontal 21 darstellt, soll bei dem Deal “kein Cent” an Steuergeldern fließen, keinerlei Strukturprojekte benachteiligt und auch der städtische Haushalt nicht angetastet werden. So lässt sich mit der Berichterstattung der WAZ ein Maximalkontrast zur Berichterstattung von Frontal 21 erzeugen. Die WAZ zitiert Wirtschaftsdezernent Hampe diesbezüglich wie folgt:

“Da wird kein Cent an Steuergeldern ausgegeben und kein Geld verschenkt und kein Kindergarten nicht gebaut” ( WAZ, 29.10.09).

Der Artikel vom 29.10. 2009 führt weiter aus:

“OB Frank Baranowski betont zugleich, dass der städtische Haushalt durch die Transaktion nicht belastet werde. Mit der Erhöhung an der Arena-Beteiligung vertiefe die GEW „eine erfolgreiche strategische Partnerschaft. Ein Engagement, das auch ökonomisch sinnvoll ist” (ebd.).

Was ist denn nun wahr? Und was hat das Investment der GEW mit dem Sozialticket zu tun? Und warum belästigt das Reporterteam Bürger am Kartenterminal mit Suggestivfragen? All das sind Zusammenhänge, die aus meiner persönlichen Sicht konstruiert werden, um, auf Kosten einer ganzen Stadt, beim Zuschauer Entrüstung für den Moment zu erzeugen. Mit fünf Kameraeinstellungen hinter dem oben zitierten O-Ton versucht man sich, mit Anleihen an einen besonderen sozialen Sinn (Fußballmillionäre vs. die ärmsten Bürger Deutschlands), billig beim Zuschauer anzubiedern.

Kein Wort davon, was wohl passieren würde, wenn Schalke verschwände. Keine Analyse, was dies für die Stadt bedeuteten würde. Keine Idee, was die Intentionen der GEW sein könnten. Nur falsche Moral an der falschen Stelle und eine Bevormundung, wie die GEW ihr Geld ausgeben soll. Fazit: Lieber Steuergelder für Schalke, als Rundfunkgebühren für diese Propaganda.

Wer mag, kann sich den Beitrag hier anschauen.

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5 Kommentare zu “Frontal tendenziös”

  1. Maik Gorski
    12. November 2009 at 13:30 #

    Eine Grundfrage wurde durch das GelsenBashing leider verwässert: Was genau unternimmt das Schalkemanagement zur Rettung des Vereins?

  2. M.Gehling
    12. November 2009 at 15:20 #

    Der Bericht war nicht gut. Aber er hat einen wahren Kern.

    Nur eine Frage:

    Wenn es eine sinnvolle Investition Ist, warum muss eine Tochtergesellschaft der Stadt dieses machen ? Warum sind nicht andere Investoren interessiert ?

    Na, warum wohl. Weil die Rendite zum Risiko nicht stimmt.

    Somit ist es politisch gewollte Subventionierung und sollte auch so offen deklariert werden.

    mac

  3. KaeptnM
    12. November 2009 at 18:27 #

    Also das was man mit dem Geld machen könnte, würde der Stadt mehr helfen als der Verein. Was würde denn passieren wenn Schalke verschwände?
    Fairer Wettbewerb wäre das. Regeln werden nicht umsonst erfunden. MIt dem Geld könnte man auch Kindergärten Schulen und Arbeitsplätze fördern. Die täten den Einwohnern sicher besser als ne Dauerkarte in der Nordkurve.

  4. Friedel Gerricke
    13. November 2009 at 22:06 #

    Ich bin alsgebürtiger Gelsenkirchener aus der Stadt geflüchtet. Grund: Als ich dortnoch wohnte, versuchte Ex-OB Wittke das (nicht vorhandene!) Geld für die Restaurationdes Hans-Sachs-Hauses zu versenken.
    Nachfolger Baranowski versenkt das nicht vorhandene Geld nun in einen drittklassigen Vorortverein.
    Dieses hat der Frontal-Beitrag zurecht angeprangert.Die Stadt hat keinen Cent auf der Naht, die Straßen sind so marode wie in Halle an der Saale nach der Wende,ganze Viertel (wie Bismarck, Ückendorf), selbst teile von Schalke sindregelrecht verslammt, weil die Stadt es versäumt hat, rechtzeitige durch eine vernünftige Stadtentwicklung dagegen zu steuern.
    Die Innenstadt samt Einkaufsstraße, einst leuchtendes Oberzentrum, ist zu einem kriminellen Schwerpunkt verkommen. Der grund: Gelsenkirchen hat die höchste Grunderwerbssteuern. Dadurch hohe Ladenmieten, dadurch immer weniger attraktive Läden.
    Und diese Stadt mit leerer Kasse, die am Dauertropf öffentliocher Gelder hängt, verschenkt an einendrittklassigen Vorortklub mit penetranter Großmauligkeit Geld. Wer Spielern zweistellige Millionengehälter zahlen kann, der sollte auch von selber Schulden tilgen können. Spielergehä.lter aus Steuergeldern zu finanzieren, ist das Letzte was sich Gelsenkirchen und ihre unfähigen Kommunalpolitiker leisten kann. Glückauf!

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  1. Pottblog - 12. November 2009

    Links anne Ruhr (12.11.2009)…

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