Die Geister, die sie riefen.

Die Geister, die sie riefen.

Kindergarten oder sensibles Therapiegelände? 

Die WAZ Gelsenkirchen berichtet über einen Skandal, der bei genauerem Hinsehen (noch) keiner ist.

Die WAZ berichtete über den Umstand, dass sich ein deutschlandweit erfolgreiches Therapieprojekt für jugendliche Sexualstraftäter in den Räumlichkeiten einer Gelsenkirchener Kindertagesstätte befindet. Die Eltern der Kindergartenkinder im Schweizer Dorf sollen laut WAZ nicht über diesen Umstand informiert worden sein. Mehr ist eigentlich nicht passiert. Und dennoch schlägt die Berichterstattung der WAZ hohe Wogen.

Neben der auf die Berichterstattung erfolgte Verunsicherung der Öffentlichkeit, reagiert nun auch die Politik hektisch. Die CDU fabuliert sich mal wieder um Kopf und Kragen. Und die SPD und die Grünen schreiben Pressemeldungen, in denen sie sich über die “tendenziöse” Berichterstattung der WAZ echaufieren.

Dr. Klaus Haertel, Fraktionsvorsitzender der SPD, äußerte seinen Unmut mehrfach in den Kommentaren von DerWesten.de, wie in der Folge zu lesen:  

Wie weit darf eine Journalistin gehen? Wo endet Verantwortungsbewusstsein, wo beginnt Verantwortungslosigkeit? Die Behanlungseinrichtung für Kinder (zT nur 6 Jahre) und Jugendliche Sextäter – das Strafrecht kennt auch Altersgrenzen – ist nicht IN der Kindertagesstätte, sondern auf dem Gelaände des Schweizer Dorfes in der Nachbarschaft der Kindertagesstätte. Die Arbeit eines Modelprojektes, das bundesweit positive Beachtung gefunden hat, wird hier gefährdet. Und zum angeblichen Skandal: Nichts war geheim. So überschrieb die GLEICHE ZEITUNG noch am 25.05.2004 einen rundum positiven Bericht nach einem Ortstermin (!!!): “Ministerin Fischer: Therapie ist Opferschutz – Landespolitikerin besuchte Beratungsstelle im Schweizer Dorf”.
Hier handelt es sich um Sensationsjournalismus im Stile einer überregionalen Zeitung mit den vier großen Buchstaben, was ich bei der WaZ bisher nicht für möglich gehalten habe.

Dr. Klaus Haertel (#)

Oder auf die Meldung, dass die Therapie aus der Kita-Umgebung verlegt wird:

Geehrte Frau Bucek, was Sie hier mit Ihren untauglichen Rechtfertigungsversuchen treiben ist nach wie vor der Sache unangemessen. Keine Silbe zu der gemeinsamen Pressemitteilung von den Fraktionen von Bündnis90/Die GRÜNEN und der SPD, keine Silbe des Bedauerns über die Auswirkungen Ihrer “BILD”-Berichterstattung, keine Silbe über die Geister die Sie riefen und nicht mehr loswerden (Goethes Zauberlehrling) wie der Kommentar #24 unter Ihrem Vorgängerbericht. (#)

Auch die Stadt Gelsenkirchen hatte indessen auf die WAZ Berichterstattung reagiert und die in der Berichterstattung geäußerten Behauptungen größtenteils als “schlicht falsch” zurückgewiesen. So führt die Stadt aus:

[…] Die Behauptung es gibt eine Sexualstraftätertherapie in der Kindertagesstätte ist falsch!
Richtig ist, dass sich die Beratungsstelle auf einem städtischen Gelände ist, auf dem sich auch der Kindergarten befindet.
Falsch ist, dass die Mitarbeiter der Einrichtung über das Angebot nicht informiert sind.
Richtig ist, dass der Leiter der Beratungsstelle in ständigem Kontakt mit den Mitarbeitern der Kindertagesstätte steht und über sein Angebot informiert.
Falsch ist, dass die Eltern deren Kinder in die Kindertagesstätte gehen, nicht über das Therapieangebot informiert werden.
Richtig ist, dass in Elternabenden über das Angebot der Beratungsstelle durch Herrn Schreck informiert wird.
Falsch ist, dass allgemein nicht bekannt ist, dass sich das Therapieangebot auf dem Gelände des Schweizer Dorfes befindet.
Richtig ist, dass das Angebot in öffentlich zugänglichen Informationsflyern vorgestellt wird, im Jugendhilfeausschuss (zuletzt am 20. November 2008) mehrfach ausführlich darüber berichtet wurde und in der WAZ in den Jahren 2005 und 2005 umfangreiche Berichterstattung stattgefunden hat. In dieser Berichterstattung wurde das Angebot ausdrücklich positiv hervor gehoben (vgl. Stadt Gelsenkirchen, 9. Oktober).

Was auffällt ist, dass die involvierten Akteure aus Stadt und Politik ausgesprochen kommunikativ dazu beitragen, Aufklärung zu leisten.  Nur die Autorinen selbst haben es hingegen offenbar nicht nötig, Stellung zu nehmen. Oder sie weigern sich als Printredakteure die Kommentarfunktion zu nutzen. Man hört ja so einiges…

Foto: (CC) mdornseif

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10 Kommentare zu “Die Geister, die sie riefen.”

  1. Taner
    11. Oktober 2009 at 19:19 #

    Ich find das auch ganz groß und wirklich gut, dass hier seitens der SPD Pressemitteilungen kommen (Standard), aber sich auch in den Kommentaren online geäußert wird und die Stadt auch Stellung bezieht und die Lage richtig stellt. Eine einseitige Skandal-Berichterstattung ist richtig bescheuert, aber so ist das halt, die wollen schließlich Gewinn einfahren…

  2. Dennis
    12. Oktober 2009 at 12:44 #

    Gewinn will ich auch einfahren 🙂

  3. Feuerstein
    19. Oktober 2009 at 16:16 #

    Hallo! Die Gegendarstellung der Stadt Gelsenkirchen stimmt leider nicht!
    Ich habe absolut zuverlässige Informationen, das: Die Mitarbeiter der Kita nichts davon wussten, und das ist Tatsache ( wenn die das gewusst hätten das Herr Wissmann, Leiter des Jugendamtes dort so etwas Genehmigt hätte, wären alle Erzieherinnen und Eltern von alleine auf die Barrikaden gegangen, es wurde geheim gehalten).

    Außerdem wurden die Eltern niemals detailiert über die Vorgehensweisen der Beratungsstelle Informiert.
    Die Mitarbeiter wurden erst jetzt darüber Informiert und haben über diese Angelegenheit Schweigepflicht!

    Auch wurden den Mitarbeiterinnen der Kita solche und ähnliche Infos wie Sie jetzt an den Tag gekommen sind vorenthalten.
    Also es gibt eine Beratungsstelle für Sexualstraftäter auf dem Gelände der Kita, das ist wie ein Wurm, der einem Fisch vors Maul gehalten wird, er braucht nur zuschnappen.

    Wie hirnlos ist das eigentlich, eine Schwachsinnsidee !

    Meiner Meinung nach, sollte man den Amtsleiter der diese Scheisse verzapft hat von seinen Ämtern entlassen!

  4. Dennis
    20. Oktober 2009 at 00:00 #

    Ich habe erst gestern mit einer Vertrauensperson gesprochen, die mir exakt das Gegenteil versicherte und die Berichterstattung als höchst skandalös zurückwies. Intern sei sogar von einer Klage gegen die WAZ die Rede. Was nun der Wahrheit entspricht, ist wohl nicht so ganz einfach zu klären.

  5. Der andere Dennis
    21. Oktober 2009 at 12:24 #

    Eine Klage wäre in diesem Fall eventuell sogar wünschenswert. Einer diesbezüglichen Legendenbildung sollte schleunigst entgegengewirkt werden.
    Ansonsten ist die Darstellung man hätte nichts gewusst, überaus seltsam. Wenn ich richtig liege wurde 2005 über die dortige Arbeit sogar in der WAZ berichtet.

  6. Adekon
    29. März 2010 at 22:37 #

    Der Beschwerdeausschuss des Deutschen Presserats hat in seiner Sitzung am 4. März 2010 einstimmig festgestellt hat, dass der WAZ-Artikel über die Beratungsstelle Gelsenkirchen presseethisch gegen publizistische Grundsätze verstößt. Er spricht der WAZ eine Missbilligung aus.,

  7. Dennis
    30. März 2010 at 09:43 #

    Steht wo? Bitte eine Quelle beifügen, falls möglich.

  8. Adekon
    30. März 2010 at 18:39 #

    Quelle folg umgehend, sobald der schriftliche Bescheid aus Berlin vorliegt.

  9. Adekon
    13. April 2010 at 22:41 #

    Presserat spricht Missbilligung aus.
    Die schriftliche Entscheiddung liegt jetzt den Beteiligten vor.

    “Entscheidung des Beschwerdeausschusses 2 in der Beschwerdesache BK2-463/09
    vom 4.3.2010

    Presserechtlich bewertet der Ausschuss den Verstoß gegen die publizistischen Grundsätze als so schwerwiegend, dass er gemäß § 12 Beschwerdeordnung eine Missbilligung ausspricht.”.
    Der vollständige Text kann sicherlich bei den Beteiligten angefordert werden.
    Wie zu erwarten hat die WAZ bzw. Frau Bucek bisher zur Missbilligung geschwiegen. Faire Berichterstattung kann man das nicht nennen.

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  1. WAZ GE vom Presserat missbilligt? // Gelsenkirchen Blog - 14. April 2010

    […] skandalisierende Berichterstattung der WAZ über eine angebliche Therapieeinrichtung für jugendliche Sexualstraftäter in einer Gelsenkirchene…  wurde offenbar vom Presserat mit einer Missbilligung geahndet. Ein Kommentator mit dem Pseudonym […]

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