Bloggender Abfuck (Update)

Ich habe lange mit einem Statement zur aktuellen Kampagne von Vodafone gewartet, da ich mit Interesse beobachten wollte, wie die sonst sehr professionelle Agentur den Pr-Gau Karren aus dem Dreck zieht. Mittlerweile bin ich der begründeten Auffassung, dass man den Karren nicht mehr aus dem Dreck zieht, sondern, dass man sich SeitensVodafone alle Mühe gibt, ihn endlich im Schlamm zu versenken.

Darum geht’s: Vodafone hat für seine neue Kampagne “Es ist deine Zeit” unter anderen mehr oder weniger bekannte Blogger als Testimonial verpflichtet. Daran ist zunächst nicht’s verwerflich. Dumm ist nur der Umstand, dass es doch gerade Vodafone ist, die das “Kinderpornozugangserschwerungsgesetz” (oder so ähnlich) vollumfänglich unterstützen. Die Bloggerszene hingegen ist nahezu geschlossen dagegen. Sascha Lobo, eines der Testimonials, gilt in Deutschland als A-Blogger und zusammen mit Spreeblick, einem Blog, das ich sehr schätze, hat dieser das Vermarktungsnetzwerk adnation gegründet, über dessen Netzwerk nun auch die Vodafone Werbebanner zur neuen Kampagne austrahlt werden. Spreeblick agierte im Kontext dieses Gesetzesentwurfs wie – viele andere Blogs ins Deutschland auch – höchst aggressiv gehen v.d.L.’s Vorhaben mit dem Stoppschild. Gegen die Einblendung der Werbebanner  von  Vodafone, die nach wie vor von vielen Bloggern nun als ” Zensurprovider” stilisert werden, hat Spreeblick und viele andere aus dem adnation Netzwerk offenbar nichts. In Klein Bloggersdorf diskutiert man nun die Glaubwürdigkeit dieser Blogs recht ausführlich. Die betreffenden Blogger weisen den Diskurs mit dem Hinweis auf die Trennung von Inhalt und Werbung zurück. Den Spreeblick Machern kann man diese Professionalität durchaus abnehmen, dafür kenne ich das Blog lange genug, aber es bleibt dennoch ein Geschmäckle zurück. Ich bin in der Lage, zwischen dem, was ein Blogger sagt und dem, was ein Unternehmen in gekaufter und  gekennzeichneter Werbung verkaufen will, zu unterscheiden.

Was bei Vodafone das Fass allerdings zum Überlaufen bringt, ist deren Intention, der deutschen Blogosphäre, die ja die Zielgruppe der Kampagne darstellt, mit absolut abartig schlechten PR-Texten zu suggerieren, dass Sascha Lobo -der sich sonst gern mit dem Iphone präsentierte – nun das HTC Magic von Vodafone ganz ganz ganz toll findet. Und NATÜRLICH findet auch das zweite Testimonial, Schnutinger aka. Ute Hamelmann, das gleiche Telefon ganz ganz toll. Und natürlich bloggt sie darüber. Zufällig im Konzernblog:

“Seit drei Monaten habe ich ein neues Handy, das HTC Magic mit Internetanschluss. Tolles Ding, mit wenig Knöpfen dran, das ist äußerst praktisch. Mein altes Handy hatte viel zu viele Knöpfe. Zu viele Knöpfe sind nicht gut, da gibt es für mich zu viele Möglichkeiten, versehentlich an ein Knöpfchen zu kommen. Mit dem neuen Handy geht das alles zum Glück leichter, ich erwische immer das richtige Knöpfchen und ich kann die Fotos sogar direkt auf die Plattform Flickr  ins Internet hochladen und in mein Blog  stellen. So geht mir nichts mehr verloren und meine Handyrechnung beschert mir seitdem auch keine böse Überraschung mehr” (Quelle: blog.vodafone.de).

Wenn ich so eine gequirlte Scheisse lese, dann wird mir mehr als schlecht. Ich lasse mich nämlich ungern verarschen. Und selbst den Versuch nehme ich krum. Nachdem die Kampage schon vorher relativ schlecht bei der Zielgruppe ankam, würde ich mir noch ein paar mehr solcher Texte ins Firmen Blog stellen, damit auch der letzte Blogger versteht, dass Vodafone seine Zielgruppe nicht mal im Ansatz kennt. Blogger gehören zum größten Teil – das zeigen Studien – zur medienkompetentesten Zielgruppe überhaupt, die lassen sich nicht durch derartig durchsichtige PR besäuseln. Für einen Multimillionen Konzern ist ein solches Desaster schon peinlich. Ich denke, nicht nur die Marke Vodafone wird- wenn auch kurzfristig – Schaden nehmen, sondern auch die Agentur. Auch für die vielen selbsternannten “Social-Media-Berater” wird das (hoffentlich) wohl der letzte Auftrag gewesen sein. In weniger netzafinen Zielgruppen mag diese primitive Form des Marketings noch funtionieren, bezogen auf die anvisierte Zielgruppe war das Pr-Desaster absehbar.

Update: Ute Hamelmann zieht sich aus dem “Web 2.0” zurück. Sie wolle auf keinen Fall mehr Web 2.0 “machen” [!sic!sic!sic!] Sie zieht sich zurück, weil ihr – welch Wunder – nun niemand mehr glaubt und so alles keinen Sinn mehr habe. Sie selbst gibt an, dass sie mit einem 5 Monate alten Babysöhnchen gern hätte auf diesen Umstand verzichtet.

Mein Mitleid hält sich so ein bissi in Grenzen. Wer sich für Kohle dermaßen veräußert, muss damit rechnen, dass Gegenwind kommt. Und auf Blogger, bei denen man nach jedem Beitrag erst reflektieren muss, ob es eine gekaufte Meinung ist, kann man beim ” Web 2.0 machen” auch echt gut verzichten. Finde ich.

ix macht sich ähnliche Gedanken.

Ein Kommentar zu “Bloggender Abfuck (Update)”

  1. Der andere Dennis
    3. August 2009 at 10:53 #

    Den Telefontext finde ich aber irgendwie toll. “Mein altes Essbesteck bestand aus Gabel, Messer, Löffel. Das war mir zu blöd. Mit meinem neuen Schneidzinkenlöffel bin ich endlich nicht mehr überfordert. Nur in der Handhabung. Und hol doch bitte mal jemand einen Arzt…”

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