“Amokexperten” haben Hochkonjunktur

Ich sehe sie schon wieder genau vor meinem geistigen Auge. Akademisch hochgebildete und durch die letzten Amokläufe schon zu prominenten Mediengesichtern avancierte “Amokexperten” laborieren völlig planlos und pauschal über die gesellschaftsvernichtenden Killerspiele und reden (im intelligentesten Falle) von “Kumulationen von Problemlagen”. Es werden Vergleiche mit den USA gezogen, Amokprofile erstellt, Gesellschaftsdiagnosen entworfen und was das Schlimmste ist, es wird die Frage nach der “Schuld” gestellt. Besonders pervers in diesem Zusammenhang ist die Frage: “Hätte der Amoklauf verhindert werden können?”

Ich habe menschlich Verständnis dafür, dass die Gesellschaft nach Erklärungsansätzen für ein solch unfassbares Verbrechen sucht, soziologisch, kriminologisch, pädagogisch und auch kulturanthropologisch wird es allerdings keine stichhaltige Antwort auf diese Frage geben. Möglicherweise obliegt es der Psychologie, dem Täter eine Psychopathologie zu attestierten, was aber nichts erklärt. Mit Rückgriff auf Norbert Elias wage ich zu behaupten, dass die “Gesellschaft der Individuen” eine komplexe und vorallem kontingente soziale Welt ist, die vor allem eines nicht nicht ist: berechenbar.

Jedem kamerageilen Medienpsychologen, -kriminologen, -soziologen, – pädagogen, der vorgibt, eine Erklärung für diese Tat vorbringen zu können, dem unterstelle ich, dass er sein Fach zum bloßen Laberfach degradiert. Wir wissen nichts und der, der es wüßte, ist tot.

Weniger kontingent als die soziale Frage, ist die Frage nach der Zugänglichkeit zu scharfen Waffen. Leider spielt diese (mal wieder) eine untergeordnete Rolle.

Update: Gerade entdeckt: Stefan argumentiert ähnlich.

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7 Kommentare zu ““Amokexperten” haben Hochkonjunktur”

  1. The Doctor
    11. März 2009 at 23:55 #

    Du nimmst mir mal wieder die Worte aus dem Munde!

    Hab ich doch wirklich heute morgen, als ich das im Autoradio hörte, gedacht: “Und schlussendlich finden sie wieder heraus, dass der Bengel CS oder Ähnliches aufm PC gezockt hat und schon ist sie wieder da die unsägliche “Killerspieldebatte”!

    Oh wehe uns armen Sündern!
    Dunklen Zeiten werden wir dann vermutlich in den nächsten Wochen entgegen sehen, sollte sich das wirklich bewahrheiten….

    Es wird dann höchstwahrscheinlich mal wieder eine “Hexenjagd” gegen sämtliche PC- und Konsolengamer mit nur halbgaren sozialpädagogischen bzw
    -psychologischen Theorien veranstaltet und Alles/Jeder, was/der auch nur im Ansatz dem virtuellen töten frönt, wird gleich zum isolierten massenmordenden potenziellen Amokläufer degradiert!

    Ich bete drum, dass uns das wenigstens diesmal erspart bleiben möge….

  2. Dennis
    12. März 2009 at 00:29 #

    Ich hab gerade Plasberg geguckt , 5 min. Hat gereicht. Immerhin ist auch die Armutshypothese in Kombi mit der Katharsistheorie ad absurdum geführt. Der Junge kommt aus einer Unternehmerfamilie.

  3. Taner
    12. März 2009 at 07:04 #

    So, das musste mal gesagt werden. Super!

  4. The Doctor
    12. März 2009 at 13:18 #

    Guckt mal ARD!!
    Da ist grad große Pressekonfenrenz!

    Das Beste ist, es hätte alles verhindert werden können, wenn sein dusseliger Kumpel die E-Mail, die er ihm Nachts geschickt hat, ernst genommen hätte!

    Außerdem ist rausgekommen, dass er psychische Auffälligkeiten (Erkrankungen) hatte und deswegen schon in psychiatrischer Behandlung gewesen ist resp. zum Tatzeitpunkt noch immer in Behandlung war!

    Da war man mal wieder mit der Reaktionszeit weit hinterher, wenn ihr mich fragt! Denn die Anzeichen, scheinen ja wohl dagewesen, aber nicht ernst genug genommen worden zu sein!

  5. Nicetrise
    12. März 2009 at 20:46 #

    Ich muss dir absolut Recht geben Dennis. Hab selbst grad was bei mir dazu geschrieben. Geht ja tatsächlich wieder in die Richtung “Killerspiele”…

  6. The Doctor
    15. März 2009 at 15:17 #

    WAZ von gestern 14.03. schon gelesen???

    Größerer Artikel drin mit dem Thema, dass mal wieder die “Killerspiele” als potenzielle Sündenböcke für den Amoklauf herhalten müssen, sich die Spielebranche aber dagegen – m.E. zu recht – wehrt!!!

    Lesenswert, wenn auch etwas detailarm…

  7. Dennis
    16. März 2009 at 00:01 #

    Überschrift gesehen, weitergelesen. Ich weiß seit Erfurt, was drin steht 😉

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