#YouNow: Pedoparanoia statt Pedoprophylaxe.

Die Medienlandschaft treibt dieser Tage eine neue Sau durchs Dorf. Nachdem das Komasaufen bei den Jugendlichen scheinbar aus der Mode kommt, ist es nun das Streamingportal „YouNow“ das, folgt man den z.T. hetzenden Berichterstattungen, die größte Jugendgefahr seit Marc Doutruox darstellt.

Die Medienlandschaft treibt dieser Tage eine neue Sau durchs Dorf. Nachdem das Komasaufen bei den Jugendlichen scheinbar aus der Mode kommt, ist es nun das Streamingportal „YouNow“ das, folgt man den z.T. hetzenden Berichterstattungen, die größte Jugendgefahr seit Marc Doutruox darstellt.

Was ist YouNow

YouNow ist eine Streaming-Plattform, mit der User nahezu plattformunabhängig ganz einfach Live-Videostreams ins Internet stellen können. Anders als bei YouTube, in dessen Kontext Videos erst produziert und dann online gestellt werden, findet bei YouNow alles in Echtzeit statt. Was gefilmt wird ist live online. Durch sehr gut programmierte Apps funktioniert das mit jedem Smartphone, Tablett oder dem heimischen Laptop. Thematisch gebunden ist das neue soziale Netzwerk nicht, sodass die Bandbreite der Videoübertragungen von der spannenden Play Station-Schlacht bis hin zu Schminktipps direkt aus dem Kinderzimmer alles umfassen kann. Weil jedoch passive Play Station-Schlachten und Schminktipps eher weniger das Themenfeld Erwachsener sind, ist das Publikum auf YouNow überwiegend (aber nicht ausschließlich) im Teenie-Alter.

YouNow wird gehyped als Eldorado für Pädophile

Soweit so gut. Mehr als das oben beschriebene stellt YouNow zunächst nicht dar. Der Reiz der Selbstdarstellung für Jugendliche wird auf YouNow durch soziale Funktionen verstärkt. Zuschauer können „Fan“ eines Darstellers werden und ihn dadurch belohnen. Hauptselektor ist aber die Zuschaueranzahl. Wer die meisten Zuschauer hat, steigt in der Liste der vorhandenen Streams ganz nach oben und wird „Trending“. Anreiz genug für die oft jungen Broadcaster möglichst kreativ zu werden, um die Zuschauer zu begeistern und möglichst weitere auf seinen Kanal zu bekommen.

Oft kommt dann die beste Freundin dazu, es wird gescherzt und manchmal auch mit den Teilnehmern im Chat geflirtet. Auffallend ist, dass die Darsteller oft über sehr lange Zeiträume hinweg die Äußerungen im Chat stupide vorlesen. Manchmal geschieht das sogar ohne Bezugnahme zum Geschriebenen. Schreibt also jemand im Chat: „Du siehst voll blöd aus“, lesen die Broadcaster dies vor, ohne darauf zu reagieren. Sind Chatteilnehmer hingegen der Meinung, dass der oder die Broadcaster/in hübsch sei und das kundtun, bedanken sich die Videostreamer in aller Regel höflich.

Nachdem erstmalig SternTV über YouNow berichtete, ist das Image der Plattform allerdings im freien Fall. In der üblichen SternTV Manier wurden sogenannte „Internetexperten“ befragt, um YouNow als Eldorado für Pädophile zu hypen. Kurz nach Ausstrahlung des Berichtes brach das Portal unter der Last der Neuinteressierten zusammen. Neben dem Hinweis, dass die Jugendlichen, die live ins Internet streamen, möglicherweise ins Blickfeld von perversen Pedokriminellen gelangen könnten, war sich die Redaktion nicht zu schade, zusätzlich einen Anwalt in die Sendung zu laden, der zusätzlich darauf hinwies, dass auch strafbewährte Persönlichkeitsrechtsverletzungen stattfinden könnten, wenn Schüler z.B. im Klassenzimmer heimlich den Unterricht filmen oder andere unbemerkt, etwa im Pausenraum mit ihrem Smartphone streamen.

Wirre Panikmache statt pädagogisch fundierte Aufklärung

Aus professionell pädagogischer Perspektive birgt das Portal YouNow mehr oder weniger die gleichen Gefahren für Kinder und Jugendliche, wie alle anderen sozialen Medien auch. Die Chancen moderner, virtueller und vernetzter Peergroups, werden hingegen nicht einmal angesprochen. Auch Frederike Haupt hebt in der heutigen FAZS auf die schönen Beine einer 14 jährigen ab. Und auch ihre Portalvorstellung kommt nicht ohne die Begrifflichkeit „pädophil“ aus, obgleich man der renommierten Sonntagszeitung einen differenzierteren Umgang mit „getriebenen Dorfsäuen“ zutrauen dürfte.

Medienkompetenz ist das oberste Ziel in einer mediatisierten Gesellschaft

Wenig internetaffine Eltern stehen auch nach all den Berichterstattungen vor der Frage, wie genau sie mit dem Portal nun umgehen sollen. Denn: Auch wenn die Berichterstattungen medienübergreifend schon fast skandalös überzogen sind und die „pädophile Tendenz“ des Portals durch die Medienberichterstattung selbst induziert wird, gibt es zweifelsohne Gefahren, die für Kinder und Jugendliche unangenehme Folgen haben können. Diese Gefahren lauern aber nicht erst seit YouNow im Internet, sondern sind elementarer Bestandteil einer vernetzten Gesellschaft. Es muss daher Aufgabe der Eltern sein, mit ihnen Kindern dialogisch – nicht erzieherisch belehrend – darüber zu beraten, welche Folgen das kommunizieren im Internet in Texten, Bildern und auch Videos für sie haben kann.

Es sollte klar gemacht werden, dass einmal veröffentlichte Informationen..

  • ..nur schwierig oder gar nicht mehr gelöscht werden können.
  • ..in anderen Kontexten weiterverbreitet und unter Umständen in einem falschen Zusammenhang wiedergegeben werden können.
  • ..auch noch Jahre nach der Veröffentlichung gegen den Urheber verwendet werden können.
  • ..Identitäten im Netz grundsätzlich frei erfunden sein können.
  • ..und Geheimnisse im Internet alles andere als geheim bleiben.

Viele Eltern werden im Gespräch mit ihrem pubertierenden Nachwuchs dabei schnell an die eigenen Grenzen stoßen. Und zwar an die Grenzen der eigenen Medienkompetenz. Im Austausch mit Jugendlichen merken sie bereits in den ersten Minuten, inwieweit die Kinder und Jugendlichen das System mit als seinen Konsequenzen begriffen haben und in der Lage sind damit umzugehen.

Letztlich gehört auch ein bisschen Vertrauen in den Intellekt des eigenen Kindes dazu. Wenn sich die 14 jährige Tochter auch im echten Leben nicht auf Zuruf von Fremden den Rock runterzieht, wird sie es aller Wahrscheinlichkeit nach auch bei YouNow nicht tun.
Vorsicht ist grundsätzlich immer im Internet geboten. Das gilt für Jung und Alt. Gleichermaßen können wir aber sicher sein, dass das Netz nicht voll ist von perversen Pedokriminellen und unsere Jugend nicht so dämlich ist wie von RTL und Co. suggeriert. Familien Ministerin Schwesig hat übrigens bereits reagiert. Sie erwartet – medienkompetent wie sie nun mal ist –  dass der Anbieter

„[…] den Schutz seiner jüngsten Nutzer von Anfang an mitdenkt. Er hat dafür zu sorgen, dass das Angebot von Kindern nicht genutzt wird, und dass für Jugendliche geschützte Räume geschafft werden, in denen sie eben nicht für alle sichtbar sind.“ Facebook Statement vom 18.2.2015.

Eine Broadcasting Plattform, auf der Jugendliche eben genau nicht für alle sichtbar sind. Dieser Wunsch ist verständlich. Ich wünsche mir auch Pressekonferenzen, auf denen Politiker eben genau nicht für alle sichtbar sind. Das gibt Sinn, Frau Schwesig.

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3 Kommentare zu “#YouNow: Pedoparanoia statt Pedoprophylaxe.”

  1. Kato
    23. Februar 2015 at 12:48 #

    Hi Dennis,
    ich hab mich in den letzten Wochen intensiv mit YouNow beschäftigt, halte die Plattform aber nicht für ungefährlich.
    Du hast natürlich Recht, wenn du schreibst „Wenn sich die 14 jährige Tochter auch im echten Leben nicht auf Zuruf von Fremden den Rock runterzieht, wird sie es aller Wahrscheinlichkeit nach auch bei YouNow nicht tun.“ Nur, weil Fremde bei YouNow die Gelegenheit haben, Minderjährigen intime Fragen zu stellen, heißt das nicht, dass diese auch darauf antworten werden.
    Aber dennoch habe ich Dutzende Male gesehen, dass Kids auf sehr private Fragen bereitwillig geantwortet haben.
    Die Pädophilen, auf die du dich im Text stützt, sind definitiv nicht die einzige Gefahr. Was ist mit Mobbing (durch Gleichaltrige)? Erpressung? Betrug?
    Außerdem glaube ich nicht, dass die GEMA sich den Spaß noch lange tatenlos anschauen wird. Du schreibst spöttisch „[…] war sich die Redaktion nicht zu schade, zusätzlich einen Anwalt in die Sendung zu laden, der zusätzlich darauf hinwies, dass auch strafbewährte Persönlichkeitsrechtsverletzungen stattfinden könnten […] “ – aber die rechtliche Seite sollte man nicht außer Acht lassen. Viele Streamer spielen nebenbei Musik ab (Urheberrechte, hallo GEMA!) und auch die angesprochenen verletzten Persönlichkeitsrechte könnten zu Klagen führen.
    Selbstverständlich birgt jedes Soziale Medium Gefahren. Aber YouNow eröffnet da – meiner Meinung nach – nochmal eine neue Dimension.
    Viele Grüße

  2. Dennis
    23. Februar 2015 at 14:13 #

    Hi Kato, dank dir für deinen ausführlichen Kommentar. Und ich sehe, du hast dich auf deiner Website ja auch mit YouNow beschäftigt. Du hast völlig Recht mit allen Gefahren, die du auch in deinem Artikel aufgreifst. Wie aber in meinem Text angedeutet sehe ich eben keine unmittelbar-direkte Bedrohung durch das Portal, wie es durch einige Medien angedeutet wird. Ich habe, bevor ich den Artikel verfasst habe einige Zeit mit YouNow verbracht und war ehrlich gesagt z.T. über die positiven Inhalte überrascht. Unter anderem war dort ein Mädchen, dass ganz ausgezeichnet Klavier spielen konnte und über den Chat „zugerufen“ bekam, was sie als nächstes Spielen solle. Auch der Umgangston war entgegen meinen Erwartungen durchweg sehr höflich.

    Völlig überzogen finde ich allerdings nun wirklich die heraufbeschworenen, juristischen Implikationen. Das sich die GEMA diesen Spass nicht mehr lange gern ansieht glaube ich gern. Aber das macht sie nicht zum Schutz der Kindern, sondern dann wahrscheinlich zum Schutz der Künstler. Es geht um Geld. Genau wie es bei der Produktion von Auflage um Geld geht, wenn man Angst von Eltern schürt.

    Es ist traurig mit anzusehen, wie Medien eine Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen einfordern, die sie selbst nicht aufweisen. Die mir bisher begegnete Berichterstattung von younow ist nicht nur tendenziös, sie ist teilweise skandalös.

    Leider kannte ich YouNow vor dem SternTV Bericht gar nicht, sodass ich keine Vergleiche zu einem „davor“ ziehen kann. Es ist aber davon auszugehen, dass es nicht besser wird, je öffentlicher es ist.

  3. Kai
    23. Februar 2015 at 16:23 #

    Hi Kato,

    ganz klar, soziale Medien bergen auch Gefahren. Das tun allerdings ALLE sozialen Medien und nicht bloß Younow, das jetzt mal wieder Medienwirksam durchs Dorf getrieben wird.

    Auch Facebook birgt die Gefahr von Mobbing und Betrug und gleiches gilt für alle möglichen anderen Portale. Das mit der GEMA ist insofern ein interessantes Argument, als dass diese ständig auf der Suche nach Möglichkeiten zum Abkassieren ist und da sicher auch nicht vor Kindern zurückschreckt, die unbedacht und nichts ahnend die Musikanlage laufen lassen, während sie vor der Webcam hocken und streamen. Das ist allerdings höchstens als eine weitere Gefahr für die Kinder anzusehen. Auch Abmahnanwälte lecken sich bestimmt schon die Finger.

    Was ich bei der ganzen Debatte allerdings gruselig finde, ist die Tatsache, dass wie so oft in der heutigen Zeit überhaupt nicht über die Eltern geredet wird. Ein Kind, dass vor hunderten anonymen Zuschauern vor einer Webcam blank zieht hat sicher ganz andere Probleme, als dass Younow den Jugendschutz nicht gewährleisten kann und ihm wäre sicher auch ohne soziale Medien nur schwer zu helfen.

    Meiner Meinung nach muss die Gesellschaft mal wach werden und die Eltern müssen sich ihrer Verantwortung endlich wieder bewusst werden. Ein Kind in die Welt setzen heißt nicht, einmal im Bett Spaß haben, den Mutterschutz genießen und dann schnellstmöglich das Kind in die U3-Betreuung schicken und weiter Karriere machen. Zum Eltern sein gehört ein bisschen mehr als das Kindergeld abzukassieren! Vielleicht sollte man an der Stelle mal ansetzen 😉

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