Ursache, Schuld und Verantwortung

„Wie konnte dies geschehen? Wer trägt die Schuld? Wer ist verantwortlich?“

Dies sind Fragen, die Hannelore Kraft als Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein Westfalens und, wie ich meine, als persönlich Betroffene auf der bewegenden Trauerfeier in der Salvatorkirche in Duisburg aufwarf. Kraft stellte lückenlose Antworten in Aussicht und betonte die Dringlichkeit, diese quälenden Fragen endlich zu beantworten. Auch wenn es Hannelore Kraft war, die im Rahmen dieser Trauerfeier, die auch für Nichtchristen emotionalste Rede hielt und dabei selbst mit den Tränen rang, muss konstatiert werden, dass die Fragen wohl nur abstrakt zu beantworten sein werden. Vielleicht gelingt es der Kriminaltechnik, konkrete Ursachen, die zum Tod der Opfer führten auszumachen, doch wird die Frage nach der Schuld und der konkreten Verantwortung für die 21 jungen Menschenleben für immer im Raum stehen bleiben. Persönlich und vor allem moralisch verantwortlich für die Toten ist niemand. Adolf Sauerland nicht. Reiner Schaller nicht. Und auch die Polizei kann für den Tod der 21 Menschen nicht die direkte moralische Verantwortung übernehmen.

Das Chaos selbst folgt keiner Verantwortung oder Schuld. Politische Verantwortung, die das Chaos begünstigte, kann es geben.

Die Physik definiert das Chaos als einen Zustand nichtlinearer, dynamischer Systeme. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht wird das Chaos wohl eher als ein Zustand der völligen Unordnung und Verwirrung definiert. Eine Massenpanik, wie sie auf der Loveparade entstand, muss wohl als ein solches Chaos bezeichnet werden. Oder war es doch das Chaos, das die Massenpanik auslöste? Wie kann es eine konkrete moralische Schuld und Verantwortung für die Toten geben, wenn die Kausalität der Ursache nicht geklärt ist? Und hat, sieht man von den Konstrukten der Rechtswissenschaft einmal ab, moralische Schuld nicht immer etwas mit einer Teleologie, also einer Zweckrichtung, einer latenten Absicht zu tun? Können sich die Medien und allen voran Vetreter der Politik, das Recht herausnehmen zu konstatieren, dass sowohl Adolf Sauerland als auch Reiner Schaller bewusst den Tod von Menschen billigend in Kauf genommen haben, um den Ruf der Stadt Duisburg im Kulturhauptstadtjahr 2010 nicht zu gefährden oder um Geld zu sparen? Ich denke nicht. Zu Rainer Schaller habe ich mich bereits geäußert. Adolf Sauerlands Schicksal hingegen ist tragisch. Seine Amtslegitimation wurde just mit seiner Äußerung, es hätte ein tragfähiges Sicherheitskonzept gegeben und es seien individuelle Gründe für das Unglück verantwortlich, verbrannt. Auch seine spätere Entschuldigung, dass er einer Fehlinformation von Ersthelfern erlegen sei, rettet nichts mehr. Und auch ich war von seinen Äußerungen und seiner Haltung bei der Pressekonferenz entsetzt und habe den Rücktritt Sauerlands gefordert.

Die Hetzjagd auf Sauerland ist moralisch verwerflich und unerträglich. Eine Schande für den modernen Journalismus.

Doch angesichts der Umstände muss festgehalten werden, dass es auch für den Oberbürgermeister einer Ruhrstadt ungewohnt ist, im Nachgang einer derartigen Katastrophe vor versammelter Presse die richtigen Worte zu finden. Es ist auch nicht das Tagesgeschäft eines Oberbürgermeisters die Planungen für ein Event in der Größenordnung der Loveparade fachlich derart zu überblicken, dass er mit einer Genehmigung gleichermaßen eine Unbedenklichkeitserklärung ausspricht. Sauerland musste sich fatalerweise auf die Einschätzungen seiner Mitarbeiter verlassen. Seinen politischen Part, nämlich das Event im Kulturhauptstadtjahr 2010 stattfinden zu lassen und nicht wie in Bochum abzusagen, hatte er – koste es, was es wolle – erfüllt. Dass es 21 Tote kosten wird, konnte Sauerland persönlich wohl nicht einmal erahnen. Denn dann – gänzlich ohne Zweifel – hätte es das Event nicht gegeben. Die Unkunde des Ob’s über derartige Events und der Druck der Kulturhauptstadt dürfte zu einer Verkennung der Gefahren auf Seiten des Oberbürgermeisters geführt haben. Ihm zu unterstellen, er sei moralisch und wie einige politische Autoritäten es andeuteten auch persönlich für den Tod der 21 Opfer verantwortlich, ist anmaßend und in hohem Maße moralisch verwerflich. Dass es nun Mordrohungen gegen Sauerland gibt, ist ein Verdienst kopfloser uns stilloser Journalisten, die sich darum bemühen, weiter Öl is Feuer der nach Schuldigen suchenden Öffentlichkeit zu gießen. Wenn doch im Vorfeld alles so klar war, warum hat keiner der Journalisten vorher seine Bedenken geäußert? Die aktuelle Hetzjagd auf Sauerland ist erbärmlich.

Sauerland und Schaller mögen die Verantwortung dafür tragen, dass es leichter zum Chaos kommen konnte, aber sie sind nicht die Bedingung für das Chaos. Es hätte auch gut gehen können. Gleichermaßen hätte es mit einem besseren Sicherheitskonzept ebenfalls zu einer Massenpanik und Toten kommen können. Sie tragen indirekte und politische Verantwortung für die Umstände des tödlichen Chaos. Mit dem Tod der 21 jungen Menschen jedoch stehen sie moralisch in keinem Zusammenhang. Denn:

„Die Experten haben sich den Weg vorgestellt als einen Fluss, durch den die Menschen wie die Fische schwimmen. Aber der Schwarm konnte nicht schwimmen, weil der Fluss kein Fluss und die Menschen keien Fische waren, weil die Algorithmen, mit denen man ihr Verhalten berechnen wollte, nicht mit der Realität korrelieren wollten, weil man mit dem bestmöglichen Verhalten des Schwarms gerechnet hat statt mit dem menschenmöglichen einer Menge, die eingeengt wird. Das Unglück hätte überall passieren können, aber es ist in Duisburg geschehen“
(vgl. FAZS, 1.August 2010).   

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4 Kommentare zu “Ursache, Schuld und Verantwortung”

  1. stapel
    1. August 2010 at 20:39 #

    Zur persönlichen Verantwortung von Herrn Sauerland möchte ich nichts sagen, das ist Sache von Ermittlungen und Gerichtsverfahren. Und die Hetzjagd gegen ihn (und vor allem gegen ihn besonders) ist erbärmlich, in der Tat, zumal sie maßgeblich von Medien ausgeht, die vorher wie viele andere auf Deibel komm raus diese Parade durchziehen wollten, wie auch immer. Und dieses „wie auch immer“ macht die eigentliche Verantwortung aus. Man hätte durchaus vorher wissen können, dass ein solches Zugangs- und Abmarschkonzept über nur 1 Rampe nicht funktionieren kann, weder für 200 000 Menschen und erst recht nicht für die zusammengelogene Million. Man hätte Videos installieren können im Tunnel, man hätte mehr und bessere Security einsetzen können, man hätte und hätte usw. usw. . Hat man nicht.
    Man muss aber auch mal genauer kucken, was da eigentlich passiert ist. Es gibt eine Menge Fotos und Filme im Internet davon, und nirgendwo ist was von einer Massenpanik zu sehen. Der Begriff ist falsch. Die Filme z.B., die den Andrang auf die ominöse Treppe zeigen, von unten gefilmt, vom Ausgang des östlichen Tunnels zur Rampe hin, zeigen, dass zumindest da, wo der Filmer stand, genug Bewegungsfreiheit und keine drangvolle Enge war. Genau so eng war es vor dem Container, über den viele aufs Gelände kletterten. (Im Tunnel selbst gab es wohl stellenweise schlimmeres Gedränge, aber zumindest keine oder kaum Tote.) Warum drängten so viele zu diesen „Notventilen“? Weil es am oberen Rand der Rampe erkennbar nicht weiterging, weshalb auch immer. Ob da jetzt jemand den Zugang zum eigentlichen Festgelände abgesperrt hat oder nicht, ist m.E. zweitrangig. Es ging nicht weiter. Punkt. Jeder kennt das aus dem Kaufhaus: Am Ende einer Rolltreppe gehen die Leute vielleicht noch 2 Schritte, dann bleiben sie stehen. Erst mal orientieren: links oder rechts, ist Mutti auch schon da, oh, da steht aber ein Sondergrabbeltisch, oder soll ich doch erst lieber …
    Bei der LP gab es das offenbar auch. Man ist endlich oben, sieht die ersten Floats, wartet vielleicht noch auf andere Cliquenmitglieder, die noch nachzügeln, und so weiter. Folge; es geht nicht weiter. Angeblich gab es sog. Pusher, die die Massen wegschieben sollten, wohl ohne Erfolg. Man hat also das Problem gekannt, aber ungeeignete Wege zur Lösung beschritten. Warum? Das sollte man untersuchen.
    Solche Fragen gibt es viele im Zusammenhang LP in Duisburg. Ich meine, in der Summe der Abwägungen, hätte man sie unvoreingenommen und ergebnisoffen durchgeführt, hätte am Ende die Erkenntnis gestanden, dass eine solche Veranstaltung an einem solchen Ort und wahrscheinlich überall sonst in Duisburg nicht machbar war. (Wie vorher in Bochum ja auch entschieden wurde.) Endgültig kann man das natürlich jetzt schlecht beweisen, weil eben diese unvoreingenommene ergebnisoffene Diskussion nicht geführt wurde. Da liegt m.E. die Hauptverantwortung. Womit wir wieder beim Anfang und dem unglücklichen Herrn Sauerland wären.
    (Nebenbei, und bitte nicht deswegen die leichtfertig zu Tode gekommenen oder verletzten Raver hintanzusetzen: aber der erhoffte Imagegewinn für Duisburg, Ruhrgebiet und 2010 hat sich ins Gegenteil verkehrt. Auch das ist schlimm. Wobei im Gewinnfall der Gewinn wohl auch weitgehend „virtuell“ gewesen wäre, kuckt man auf die massiv geschönten Teilnemerzahlen.)
    Naja, Entschuldigung für das lange Geschreibsel, aber es liegt mir auf dem Herzen.

  2. Dennis
    1. August 2010 at 20:55 #

    Entschuldigung ? Herzlichen Dank!

  3. Kees Jaratz
    4. August 2010 at 08:24 #

    Im Urlaub, mit Abstand, habe ich das Geschehen nur bruchstückhaft mitbekommen, und überlege gerade, wie ich nun, nach zehn Tagen in den Blogalltag zurückkehre. Ich wollte also gerade zwei Dinge schreiben und fand nicht den rechten Anfang und begann herumzulesen. Deine Worte nehmen das auf, was mir seit meiner Rückkehr durch den Kopf geht. Nicht jeder Mensch hat die Größe in so einem Moment der Katastrophe, die rechten Worte zu finden. Adolf Sauerland hatte sie nicht und ungeachtet der politischen Verantwortung für die Entscheidungen, hat er mit der von dir angesprochenen Stellungnahme seine Integrität für das Amt des Oberbürgermeisters verloren.

    Dennoch sind die von den Medien nun erzählten Geschichten auf eine wirklich ärgerliche Weise an der Wirklichkeit vorbei konstruiert. Nicht nur dass Sauerlands Täter-Stigmatisierung als Ventil für all die verzweifelten Gefühle funktionieren soll. Er erfüllt ja auch alle Klischees eines leicht angreifbaren Opfers. Zu seinem Verhalten kommt ja seine Physiognomie. Darüber hinaus wird die Motivlage um die Loveparade vereinfacht, indem Duisburg ins Zentrum gerückt wird. Ich denke, ohne Kulturhauptstadt hätte es die Loveparade nicht gegeben. Wo bleiben die Hinweise auf Dieter Gornys drängende Worte – sinngemäß, es wäre eine Schmach für das gesamte Ruhrgebiet, wenn die Loveparade ausfiele. Und in Duisburg selbst bestand doch keineswegs durchweg die Hoffnung auf einen bleibenden Imagegewinn. Da gab es genügend Stimmen, die allenfalls das punktuelle Ereignis sahen.
    Und noch eins: Sollte die Umsiedlung der Loveparade nicht ein Ruhrgebietsprojekt sein. Damals beim ersten Mal. Das ist in meinen Augen die grundsätzliche Einsicht, die man mit ein wenig Abstand ziehen müsste. Hier gibt es einen eindeutigen Beweis für den strukturellen Unterschied zwischen der Ruhrmetropole oder wie auch immer man das nennen soll und den einzelnen Städten. Wer das Ruhrgebiet im Mund führt, muss auch in der Organisationsstruktur so handeln.
    So, vielleicht finde ich gleich ein paar Worte bei mir, im Zweifel ein Link zu dir und copy and paste.

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  1. Nach zehn Tagen Pause fast kein Wort über Fußball « Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus - 5. August 2010

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