Systemische Gerechtigkeit

27 October 2009 von Dennis

Gerechtigkeit ist eine Frage der Perspektive

Ich kann die Diskussion um Managementgehälter nicht mehr hören. Und das aus mindestens zwei Gründen: Zum einen entwickelt sich aus der Berichterstattung einiger Medien stets eine neidvolle Inaugenscheinnahme von Gehältern, die, durch die plakative Benennung der oft grob geschätzten Summen, jeder moralischen Anständigkeit entbehrt. Zwar steht es der Öffentlichkeit sehr wohl zu Transparenz einzufordern, um sich selbst in eine relationäre Beziehung zu den gesellschaftlichen/organisationalen Spitzen zu setzen, doch wird damit zum anderen bereits implizit der zweite Grund angesprochen: Die Relation.

Es ist nicht selten, sondern die Regel, dass selbst angesehene Medien den Hartz4-Empfänger in einen direkten ökonomischen Vergleich mit einem DAX-Vorstand bringen, um die sich auftuende Spaltung der Gesellschaft zu visualisieren. Tatsächlich visualisiert die Öffentlichkeit aber nur einen soziologischen Kunstfehler. Deutlich wird dies mit einem Bild, dass Volker Pispers im Kontext eines Waffenvergleichs von amerikanischen Prezisionswaffen und irakischen Panzern anbrachte: “Da können Sie auch Mike Tyson gegen einen Vierjährigen in den Ring stellen!” Ähnlich unzulässig ist auch der Maximalkontrast vom DAX-Vorstand und Hartz4-Empfänger.

Schließlich vergleicht die Öffentlichkeit Lebenskarrieren, Motivationen und Persönlichkeiten anhand nur eines Merkmals: Einkommen. Dabei ist es bei genauerem Hinsehen gar nicht per se ungerecht, wenn ein einfaches Vorstandsmitglied rund eine Mio. im Jahr verdient und der Hartz4-Empfänger mit dem Regelsatz klarkommen muss. Denn nicht selten hat das Gründe, warum der Vorstand Vorstand ist und der Hartz4-Empfänger Harz4-Empfänger. Während es die unterschiedlichsten Gründe haben kann Hartz4 zu beziehen, ist der Weg in die Vorstände großer Wirtschaftsunternehmen  in der Regel zumindest einer Konstante zuzuschreiben: Leistungsperformanz.

Die Legendenbildung vom einflußreichen Papi mit “Vitamin B” verliert zumindest im Kontext globalisierter Märkte ihre Nachhaltigkeit.Vorstandsanwärter oder auch Mitarbeiter im mittleren Management sind selten faul und untätig. Vielmehr das Gegenteil ist oft der Fall. Im Nachgang einer Hochschulausbildung, die nicht selten mit dem höchsten Bildungsgrad, dem Doktortitel abgeschlossen wird, geht es für die meisten Managementanwärter erst so richtig los mit der Arbeit. Wenn sie nicht vorher wegen Burn-Out in der Psychatrie enden, werden viele in so genannten Trainee-Programmen zu sogenannten “Leadern” gedrillt.

Diese Programme sind enorm anspruchsvoll und lassen - je nach Branche – kaum Zeit für Privatleben und Familie. Eine 40-Std. Woche ist für diese Absolventen i.d.R. geradezu Urlaub. Wochenenden sind selten. Jahresurlaub ist undenkbar. Das Einkommen ist bis zu diesem Zeitpunkt überschaubar. Wenn kein reiches Elternhaus hinter dem Anwärter steht, verdient er je nach Programm max. 1800 Euro. Demgegenüber steht oft der völlige Verzicht auf Freizeit und Familie. Rechnet man das Gehalt auf die Stunde herunter, ergibt sich nicht selten der Stundensatz einer Reinigungskraft. Erst mit dem erfolgreichen Abschluss eines solchen Programmes ergeben sich erste lukrative “Opportunities”, wie man neudeutsch sagt. Keine Millionenbeträge, aber Gehälter ab 64.000- 80.000 Euro im Jahr, bei gleichem Arbeitspensum, wenig Freizeit und viel Verantwortung.

Wenn nun die Methode der Maximalkontrastierung aufgenommen werden soll, dann muss jetzt dem skizzierten Lebenslauf dem “Kalle Klopottek aus Marl Brassert sein Sohn” entgegengestellt werden. Ihm ist Leistungsperformanz ein Fremdwort. Sowohl Leistung als auch Performanz. Wie sein Vater geht er stets den Weg des geringsten Widerstandes. Die Hauptschule hat er geschmissen, weil die Lehrer ihn unangekündig an die Tafel baten. Die Lehre zum Gärtner hat er geschmissen, weil er immer so früh aufstehen musste. Ausserdem konnte er Samstags nie mehr ins Stadion, da dort gearbeitet wurde. Seine Miete und Krankenversicherung zahlt der Staat. Für seine Mobilität sorgt das Sozialticket, das für den arbeitenden Bürger das 4-6 fache kostet.  Einer geregelten Arbeit nachzugehen, kann er sich nicht vorstellen. Dafür ist ihm das Leben viel zu wertvoll. 

Falls er mal ein paar ”Kröten” mehr braucht, geht er als Gärtner für Bekannte von Bekannten schwarzarbeiten. Aber auch nur, wenn er die Zeiten vorgibt. Die Pädagogen in den manigfaltigen Maßnahmen, die er durchlaufen musste, hält er für ” Träumer”. ” Die denken echt, ich geh mit 23 “nochmal” arbeiten.” Die paar Politiker, die er kennt, hält dem Kalle Klopottek sein Sohn für “unfähige Laberköpfe”. DAX-Vorstände übrigens sind allet Wirtschaftsverbrecher, die in ihrem Leben noch niemals richtig anne Schüppe waren. Wenn die wüssten, wat Arbeit bedeutet, würden die nich so gierich nache Kohle sein, sondern dafür sorgen, dass umverteilt wird. Da hätte dem Kalle Klopottek sein Sohn mehr Stütze. Der sozialdawidingsbums müsse aufhören, sagt er. Und dem Kalle Klopottek sein Sohn hat Recht. Denn es steht fast täglich in der Zeitung.

Und was da steht, ist immer wahr. 

Bild: (cc) homo_sapiens



1 Kommentare

  1. Volker S. sagt:

    Oh, die armen Manager, da setzt beispielsweise ein Herr Wendelin Wiedeking Deutschlands Vorzeigeunternehmen Porsche fast in den Sand und erhält dann zum Dank für seine Entlassung noch einen Millionenbonus, der ihm selbst peinlich ist. Wenigstens hat er angekündigt, davon die Hälfte zu spenden. Und jetzt frag doch bitte mal Frau Merkel, was die so im Jahr verdient. Ich glaub, die arbeitet auch mehr als 40 Stunden die Woche……

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