Stadtzeitung GE: Zerrissen bevor sie gedruckt wurde.

18 February 2013 von Dennis

Stadtzeitung sei Propaganda

Aufregung um eine geplante Stadtzeitung in Gelsenkirchen.

Werner Wöll, Vorsitzender der CDU Gelsenkirchen und Berufskritiker von Frank Baranowski, hat getan, was getan werden musste. Er hat Frank Baranowski kritisiert. Vieles hat sich in der Gelsenkirchener Politlandschaft verändert, nur bei Wöll nicht. Der kritisiert immer noch. Immer noch das Gleiche. Und wenn dem Wöll nix einfällt, dann macht’s der Heinberg. Im Jahre 2008, als die CDU den “Baranowski-Jäger” Nobert Mörs (Kennen Sie den noch?) aufgestellt hatte, forderte Heinberg öffentlich das Ende der “Baranowskisierung aller Lebensbereiche unserer Stadt“. Das ist ja noch verhältnismäßig lustig, bedenkt man, dass das damalige Stadtmarketing zu einem derartigen Neologismus geschlossen nicht im Stande gewesen wäre und die CDU damals eine exakte Positionsbestimmung aus dem Zentrum der Irrelevanz aussandte. Kurz darauf vermeldete “Präsident Schweine-Bucht” Wöll, dass ein von OB vorgebrachter Beitrag zur damaligen Sperrklausel im Stadtrat, nichts weiter sei als die bloße Effekthascherei Baranowskis, ein halbes Jahr vor der Kommunalwahl 2009.

Eine von der Stadt geplante Stadtzeitung sei Propaganda auf Kosten des Steuerzahlers

Der aktuellste Angriff des CDU Mannes verlässt aber die Grenzen der Unterhaltsamkeit und ist erstens ein anmaßender Angriff auf Baranowski und zweitens, was mir in diesem schwachsinnigen Diskurs nicht deutlich genug gesagt wird, ein Angriff auf die Integrität der neuen SMG-Geschäftsführung. Die Unterstellung, Baranowski betreibe auf Steuerzahlerkosten Wahlwerbung – oder im christlich-konservativen Duktus “Propaganda”- impliziert stillschweigend und ganz selbstverständlich, dass auch die SMG Geschäftsführung dies unreflektiert mittrage. Das ist harter Tobak, der ebenfalls nach einer Entschuldigung gegenüber der SMG ruft. Darauf jedoch wird öffentlich zu warten sein, die CDU Ratfraktion hat die entsprechende Pressemitteilung nach wie vor online.

„Öffentlichkeitsarbeit und Imagewerbung sind ohne Zweifel wichtige Komponenten für die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Stadt. Doch was hier eingestielt wird, das ist Propaganda auf Kosten des Steuerzahlers! Der Zeitpunkt rund 15 Monate vor der nächsten Kommunalwahl ist einfach zu durchsichtig. Hier geht es vielmehr um eine teure Imagekampagne für den amtierenden OB“ (Pressemeldung der CDU-GE vom 12.2.2013).

Kritik am Konzept, das eigentlich noch keiner kennt.

Franz Przechowski, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Agentur UNICBLUE in Gelsenkirchen, schien am Samstagmorgen ebenso erstaunt wie ich zu sein, als er den Beitrag der WAZ zu diesem Thema erblickte. Noch am Freitag Nachmittag hatten wir uns in der Agentur über eine “konvergente Strategie” d.h. eine medien- und markenübergreifende Kommunikationspraxis für die Stadt Gelsenkirchen unterhalten. Am Samstag war dann in der WAZ  zu lesen, dass das Stadtmarketing in Zusammenarbeit mit der Pressestelle eine Stadtzeitung herausbringen möchte, die  – folgt man den Angaben in der WAZ – an eine Zielgruppe verteilt werden soll, die aller Wahrscheinlichkeit nach weder als Multiplikator fungieren wird und möglicherweise gar keinen Bedarf an Informationen aus der Verwaltung hat. Dies veranlasste Przechowski zu einem längeren Eintrag auf der Pinwand von Frank Baranowski, der postwendend zum “Gastbeitrag” bei den Ruhrbaronen wurde. Ich teile dabei die Kritik Przechowskis in Bezug auf die Zielgruppen. Auch mir wird das Ziel nicht deutlich, das SMG und Öffentlichkeitsarbeit hier verfolgen. Was Przechowski ebenfalls anspricht ist, dass sich das analoge Medium gegenüber den digitalen Verwaltungsmedien (Website, Facebookpostings etc.) in Bezug auf “Verwaltungsinformationen” in einen nicht zu gewinnenden Konkurrenzkampf begibt, der seiner Auffassung nach für ersteres Medium im Papierkorb endet. Damit wird er der Erfahrung nach Recht haben, denn die Zielgruppe, die keine Zeitung liest und nicht im Internet aktiv ist, die gibt es zumindest aus publizistisch-medienplanerischer Perspektive nicht. Auch soziologisch fällt es mir schwer, diese zu konkretisieren. Wer soll das sein? Und wenn es sie gibt, warum sollten sie ausgerechnet diese Stadtzeitung lesen? Und wenn sie es tatsächlich tun, was hat die Stadt davon?

Was ich nicht teile, ist die gänzliche Abkehr vom Medium Print. Es besteht erheblicher Bedarf daran, dass sich die Verwaltung medienübergreifend in die Lage versetzt, gezielt Informationen zu verbreiten. Dazu ist es wichtig, langfristig eigene Medien zu schaffen. Printmagazine sind dazu durchaus eine Möglichkeit. Sind diese gut gemacht, so lassen sich über Anzeigen die Kosten durchaus deckeln. Grundvorausetzung ist jedoch eine andere Zielgruppe, als die bisher angedachte. Auch an Themen fehlt es in Gelsenkirchen nicht, die geeignet sind, die Bürgerkommunikation zu verbessern und die Identifikation mit der Stadt zu stärken. Presse und Marketing direkt dem Oberbürgermeister Büro zu unterstellen war lange überfällig. Wer sich in der Vergangenheit mit dem Stadtmarketing beschäftigt hat, der weiß auch warum.



3 Kommentare

  1. David Peters sagt:

    Ich denke zu den Äußerungen von Herrn Wöll bleibt an dieser Stelle nicht mehr viel zu sagen.
    Fast ebenso betrüblich finde ich aber, dass nun “Medienprofis” öffebtlich Sinn und Erfolg von GELSENKIRCHEN in Frage stellen.
    Die Zeitung ist ein Element der startegischen Neuausrichtung der SMG und der Öffentlichkeitsarbeit der Stadt. Genau so wurde sie am Donnerstag im Hauptausschuss vorgestellt. Überraschend ist die Maßnahme für mich auch nicht. Denen, die sich mit der Öffentlichkeitsarbeit der Stadt beschäftigen, sollte inzwischen aufgefallen sein, dass die noch vor wenigen Jahren stark fragmentisierte Kommunikation bereits bereinigt ist. Es wurden sowohl die einzelnen Publikationen – ob jene zu konkreten Veranstaltungen – als auch Reihen wie beispielsweise die Stadtprofile durch ein Corporate Design homogenisiert, wie auch im Bestand qualitativ gesteigert. Auch die Wegweiser der Stadt GE sind nun eine wiedererkennbare Ratgeberreihe mit klarer Absenderschaft der Stadt. Was aber weiter besteht ist eine starke Unteridentifikation der Bürger mit ihrer eigenen Stadt – was sich auch darin zeigt, dass die seit einem Jahr regelmäßig angebotenen Stadtrundfahrten eine hohe Auslastung haben oder auch die “Stadtprofile” starke Nachfrage erfahren.

    Betrachtet man nun auch die immer stärker differenzierte Mediennutzung: die Auflage der klassischen lokalen Tageszeitung sinkt stetig (knapp 33.000 Verkaufte Exemplare der WAZ an 257.000 Gelsenkirchener); Anzeigenblätter wie der Stadtspiegel liefern zunehmend mehr Serviceelemente (die redaktionellen Seiten sind trotz der nun zwei Ausgaben in der Woche nicht mehr geworden – eher weniger); und Onlinenutzer informieren sich zu lediglich 15 Prozent über “regionales” im Netz (Quelle ARD/ZDF Onlinestudie). Zugleich sind die Erwartungen an Transparenz und Teilhabe gestiegen, auch vor Komplexen wie dem Bürgerhaushalt, dem Klimaschutzkonzept und Stadtumbauprojekten.
    Da ist für mich eine Zeitung der Stadt ein logischer Schritt, den andere Kommunen bereits lange erfolgreich betreiben. Die oben aufgestellte Behauptung, dass “es aus publizistisch-medienplanerischer Perspektive” die Zielgruppe, “die keine Zeitung liest und nicht im Internet aktiv ist” nicht gebe, teile ich als jemand der Journalismus und PR studiert hat eindeutig nicht! Wir leben in einer Stadt in der die Gesellschaft bunter, älter und weniger wird. Informationen sollen da ja nicht zum exklusiven Recht eines erlauchten Kreises gehören. Wie auch am Donnerstag im Hauptausschuss vorgestellt, ist die Zeitung nicht als Solitär geplant, sondern Teil eines crossmedialen Ansatzes mit Internet und Veranstaltungen. Ich hoffe ich konnte ein wenig Licht ins Dunkel bringen, indem ich den Vortrag der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit in der öffentlichen Sitzung des Hauptausschusses – der mich überzeugt hat – reflektiert habe.
    Glück auf!

  2. Dennis sagt:

    Hallo David,
    dank Dir für Deinen ausführlichen Kommentar.

    Mir ist die Hetrogenisierung der Mediennutzung bekannt. Auch die Idee eines Stadtmagazins kritisiere ich ausdrücklich nicht(siehe oben). Einzig und allein die Zielgruppe halte ich nach wie vor für nicht existent. Zielgruppen, die keine Zeitung lesen und nicht im Internet aktiv sind, gucken wahrscheinlich Fernsehen oder hören Radio. Als Budgetverantwortlicher schliefe ich Nachts schlecht, für genau diese Menschen ein Printmagazin zu produzieren. Ich eröffne auch kein Steakhaus für Menschen, die kein Fleisch oder Wurstprodukte essen, begründet in der Hoffnung, das sie mein Fleisch essen.

    Ebenso “betrüblich” wie die Kritik Wölls, finde ich die Diskussion über “Sinn und Unsinn” hingegen nicht. Entschuldigung, aber davon distanziere ich mich. Von meiner Seite jedenfalls ist die Kritik nicht als Angriff zu werten, sondern vielmehr als Hinweis. Mir ist bewusst, dass seit dem Weggang der alten SMG Geschäftsführung einiges bewegt wurde. Dass die fragmentierte Stadt Kommunikation gänzlich bereinigt wurde, das sehe ich noch nicht, wohl aber eine deutliche Verbesserung.

    Glück auf!

  3. Franz Przechowski sagt:

    @David Peters: Gut, man kann Ihren Ansatz verstehen und ein gedrucktes Periodikum als Medium für die Kommunikation nach Innen gutheißen. Ich bezweifele nur stark, daß mit “SMG Bordmitteln” und dem veranschlagen Budget eine ansprechende redaktionelle und auch ästhetische Qualität erreichen werden kann. Und wenn das so ist, dann ist die Publikation einzureihen in die vielen gescheiterten und verzweifelten Versuche der SMG etwas auf die Beine zu stellen, was für den Bürger eine Relevanz hat. Sie sind doch als studierte Journalist und PR Fachmann schon zur Zeit von Lalakakis im Aufsichtsrat gewesen. Warum haben Sie denn damals nicht den Unsinn verhindert?
    Wir diskutieren hier über technische Umsetzungen für mediale Kanäle. Was zuerst gemacht werden sollte ist die Definition des Markenkerns der Stadtmarke. Darauf folgt eine inhaltliche Markenstrategie. Dann die konzeptionelle Kommunikation in Botschaft, Look & Feel. Abschließend werden die Zielgruppen spezifischen Kanäle gefüllt. Die SMG beginnt einmal mehr bei der letzt genannten Station. Das nennt man “von hinten aufzäumen”.

2 Trackbacks

  1. Pottblog Says:

    Links anne Ruhr (19.02.2013)…

    Gelsenkirchen: Stadtzeitung: Zerrissen bevor sie gedruckt wurde. (Gelsenkirchen Blog) – Dortmund: Großeinsatz: Explosion in der Nordstadt – ein Schwerverletzter (Ruhr Nachrichten) – Siehe auch: RP-Online. Herne: WDR stellt hallo…

  2. Sehr geehrter Herr Prof. Obermeier, // Gelsenkirchen Blog Says:

    [...] oder “Medienprofi” bezeichnet. Erstmalig fiel mir der Begriff in einem Kommentar von David Peters  ins Auge, im Übrigen ein Absolvent Ihrer Fakultät und im Aufsichtsrat des [...]

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