Opfer zweiter Klasse?

Opfer zweiter Klasse?

Im Kontrast zu anderen Vermisstenfällen wirkt die Suche nach Lindemann unzulänglich.

Als Annette Lindemann aus Buer Ende Mai spurlos verschwand, ihr Fahrzeug, ein schwarzer Mercedes Viano, ausgebrannt in einem Waldstück bei Marl gefunden wurde und die Matratzen aus dem ehelichen Schlafzimmer ebenfalls verbrannt auf einer Gelsenkirchener Halde identifiziert werden konnten, dürfte es den Ermittlern der Polizei Essen spätestens klar gewesen sein, dass es im Fall Lindemann immer unwahrscheinlicher ist, dass die Vermisste noch lebend gefunden wird.

Für Verwunderung bzw. Verwirrung  sorgte der bereits zu Beginn der Medienberichterstattung kommunizierte Wechsel der Ermittlungsbehörden. Weil der offenbar dringend tatverdächtige Ehemann von Annette  Lindemann bei der Polizei Gelsenkirchen als Kriminalbeamter beschäftigt war, wurden aus Gründen der Neutralität die Ermittlungen an die Polizeibehörde Essen verlegt. Soweit, so korrekt: Doch obwohl der Ehemann vom Polizeidienst beurlaubt wurde und die Gelsenkirchener Polizei die Ermittlungen abgab, wurde in einigen Kommentaren hier im Gelsenkirchen Blog der Eindruck geschildert, dass die Polizei tatsächlich nicht alles in ihrer Macht stehende unternehme, um Annette Lindemann zu finden.

In Momenten der Ungewissheit sind solche Kommentare aber nicht selten. Auch in der Berichterstattung zu den tragischen Ereignissen der Loveparade konnten Kommentare hier im Blog nicht freigeschaltet werden, weil sie schlicht Unsinn zum Inhalt hatten. Im Fall Lindemann hingegen klingen selbst die Äußerungen der freigeschalteten Kommentare zunächst abwegig.

Der Fall „Mirco“ relativiert die Suchaktionen nach Annette Lindemann.

Verfolgt man vergleichend die Aktionen der Polizei in Grefrath, die aktuell in der bisher größten Suchaktion in NRW nach dem 10 jährigen Mirco sucht, wirkt die Intensität der Suchbemühungen im Fall Lindemann doch eher unzureichend. Während man bei der Suche nach Annette Lindemann im Anschluss an die lokale Presseberichterstattung ein paar Waldstücke durchsucht hat und Taucher im Grimbecker Hafenbecken nach einer möglichen Leiche getaucht sind, hat man sich auf Seiten der Polizei aus meiner persönlichen Sichtweise doch recht früh mit der Hoffnung zufrieden gegeben, dass die Vermisste im Herbst, wenn sich die Blätter lichten, von Passanten oder Spaziergängern gefunden wird. Bei genauerem Hinsehen entlarvt sich eine solche Hoffnung möglicherweise als Trugschluss, denn das herabfallende Laub würde eventuelle Erdlöcher oder Verstecke in Waldgebieten zusätzlich verdecken.

Der Fall Mirco zeigt darüber hinaus sehr schön, welche Möglichkeiten die Polizei Essen bei der Suche nach Lindemann noch gehabt hätte. Die Suche über das ZDF Magazin Aktenzeichen XY ungelöst etwa brachte den Ermittlern in Mönchengladbach viele wichtige Hinweise, wie die Presse im Nachgang zur Sendung berichtete. Der Fall Lindemann fand, obwohl er durch die bisherigen Ermittungsergebnisse durchaus als brisant einzustufen ist, keine Erwähnung. Die Frage, die sich stellt ist: Warum nicht? Ist Annette Lindemann ein Opfer zweiter Reihe? Ist das Auffinden ihrer Person weniger wichtig, als das Auffinden des 10 jährigen Jungen? Oder weiß die Polizei schon mehr, als sie der Öffentlichkeit preisgeben möchte? Die Fragestellung erscheint gewiss zynisch, aber sie muss gestellt werden. Nach Mirco sucht unterdessen auch die Bundeswehr. Zwar haben die Luftbilder, die aus Tornados geschossen wurden, zu keinem Ergebnis geführt, doch wird auf der Stelle klar, dass die Suche nach Mirco intensiver und motivierter erfolgt.

Im Fall Lindemann ist nun die Staatsanwaltschaft damit beschäftigt mühsam Indizien zusammen zu fassen, was den späteren Prozess sicherlich nicht erleichtert,wenn es überhaupt zu einem solchen kommt.

Um Missinterpretationen vorzubeugen: Selbstverständlich sei Mirco die intensive Suche gegönnt. Sie ist gar vorbildlich. Allerdings wird die Polizei in Essen Gründe dafür haben, warum sie soviele Möglichkeiten der Suche ausgelassen hat. Sie wäre gut damit beraten, diese offen zu legen. Andernfalls wirkt Lindemann im direkten Kontrast zu anderen Vermisstenfällen wie ein Opfer zweiter Klasse.


-Anzeige-

4 Kommentare zu “Das St. Josef-Hospital in Horst soll 2017 geschlossen werden.”

  1. Franz Przechowski
    19. Dezember 2016 at 11:22 #

    Zutreffende Analyse. Alle Probleme hinsichtlich Weihnachtsmärkte in Gelsen und in Buer sind hausgemacht und durch nichts mehr zu entschuldigen. deine kennzeichnung „strukturelle Geschäftsunfähigkeit“ trifft den Kern. Aber darüber hinaus fehlt auch der Sinn für die konzeptionelle Gestaltung und emotionale sowie inhaltliche Aufladung von Events, die auf die Marke GE einzahlen sollen. Das ist nicht unbedingt eine Frage des Budgets, sondern der professionellen Fähigkeiten. Ich bin kürzlich erst wieder wegen meiner Bemerkung „SMG ist eine Laienspielschar“ gescholten worden. Angesichts der miesen Performance möchte ich bei meiner Beurteilung bleiben und die zuständigen Stellen der Stadtverwaltung gleich mit einbeziehen.

  2. Sabine
    19. Dezember 2016 at 20:14 #

    Dann geht doch endlich hin statt nur zu mosern

  3. Albert Ude
    21. Dezember 2016 at 17:12 #

    Die Analyse geht in Ordnung. Die Hinterfragung klammert die Mittäterschaft des örtlichen Einzelhandels leider völlig aus. Die Anlieger der Bahnhofstrasse haben kein Interesse an einem Weihnachtsmarkt, der als zentrale Veranstaltung auftritt. Die Mitwirkenden der SMG, des Umbaubüros und die für die blau-weiße Kugelplastik Verantwortlichen sind gutmeinende, aber hoffnungslos überforderte Amateure und Dilettanten, deren schlimmster Alptraum es ist, von professionellen Akteuren, ja auch bereits von schlichten Menschen, die sich einfach mal in anderen Städten umgeschaut haben, erzählt zu bekommen, wie ein Weihnachtsmarkt aussieht, ja, was überhaupt ein Weihnachtsmarkt ist. Die in Gelsenkirchen stattfindende Veranstaltung darf man auf einer Skala von 1 – 10 bei minus fünf verorten, eine gefühlte Tendenz zur Qualitätssteigerung ist illusionistische Schönrederei. Wollte man eine Verbesserung um fünf Punkte erzielen, so bedeutete das, den Nullpunkt anzustreben, die Veranstaltung also schlicht zu unterlassen. Stattdessen empfiehlt sich ein Busshuttle nach Dortmund, Essen oder Münster, oder in die kleinen niederländischen Orte oder an den Niederrhein.
    Das ist alles sehr schade, leider aber so zutreffend. In meiner Erinnerung ist die Reibeplätzchenhütte am Anfang der Bahnhofstrasse rechts der aus dem Betrachtungsraster heraustanzende kulinarische Höhepunkt der Meile. Die Reststrecke schaffe ich nicht: Kabel, Mülltonnen, Ramschstände, Trink- und Nahrungsmittelhütten. Und – mit Verlaub – Menschenmassen. Nur eins hat sich verbessert: Zu Zeiten von Lalakakis wurde noch WDR 4 über die Lautsprecher eingespielt. Das ging gar nicht.

  4. szodruch, maggie
    22. Dezember 2016 at 16:35 #

    Leider muss ich Albert Ude in allen Aussagen Recht geben !

Schreibe einen Kommentar

Bitte schreiben Sie uns Ihren Kommentar. Ihre Email Adresse wird nicht veröffentlicht