Es ist unbeschreiblich ärgerlich. Es ist zum ausrasten! Es ist Business as usual. Stilvoll im InterConti Hotel an der Düsseldorfer Königsallee berichtete das Nokia Topmanagement vom Ende des Produktionsstandorts Bochum. Nicht etwa weil Nokia wirtschaftlich schwächelt, sondern:
“Die geplante Schließung des Werkes Bochum ist notwendig, um die Wettbewerbsfähigkeit von Nokia langfristig zu sichern”, so Veli Sundbäck, Executive Vice President von Nokia und Vorsitzender des Aufsichtsrates der Nokia GmbH (vgl. Pressemitteilung Nokia).
Blickt man dabei auf den Erfolg der Firma Nokia in den letzten Jahren und auf die derzeitige Produktpalette, so muss man es der Firma fast glauben, dass es nötig sei Bochum zu verlassen. Denn: Viele Fehler hat Nokia bisher nicht gemacht. Nokia ist Weltmarktführer und Inhaber eines glänzenden Markenimages. Die Entscheidung das Werk in Bochum zu schließen wird also in sich eine funktionale Begründung für Nokia haben. Doch wie funktional und konsequent sie für Nokia auch sein mag, die ca. 2300 Existenzen, die bei dieser “Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit” gewissermaßen ausgelöscht wurden, werden diese systemimmanente Funktionalität nur schwer verstehen können. Einige werden sie sicherlich auch nicht verstehen wollen. Auf der Ebene des Topmanagements und in Kreisen der Finanzwelt war dieser Schritt sicherlich längst überfällig. Gepaart mit Emotionen wird das Nokia Management nun medial zum Sinnbild des modernen Kapitalismus stillisiert. Der böse Branchenprimus entlässt den ausgebeuteten Arbeitskraftunternehmer und lokales Brachland. Wirtschaft ist aber nicht mehr lokal, sondern global und vor allem nicht sozial. Vor diesem Hintergrund wird plötzlich der erpichteste Ingenieur und Empiriker zum Gefühlsmenschen. Politiker wirken vor diesem Hintergrund fürchterlich naiv, wenn sie vor laufender Kamera bekunden, ihr Nokia Handy nun nicht mehr benutzen zu wollen, um Nokia damit (symbolisch) zu schaden.
Nokia Boykott ist selbst auf bundespolitischer Ebene ein Thema und wirft die Frage auf, ob dort Wahlkampf vor Sachverstand regiert. Nokia schließt nicht, um den Deutschen zu schaden. Nokia schließt auch nicht, um 2300 Existenzen auszulöschen. Nokia schließt, weil Bochum und der Standort Ruhrgebiet trotz hoher Subventionen offenbar dysfunktional geworden ist. Moralisch ist das Ausmaß der menschlichen Katastrophen kaum zu beschreiben, wirtschaftlich ist es nichts weiter als die notwendige Evolution eines funktionalen Wirtschaftsystems in einer globalisierten Weltgesellschaft.
Warum stellt niemand in der Politik die Frage, wie der Technologiestandort Ruhrgebiet für Nokia (und für alle anderen vielleicht auch) wieder funktional werden kann? Bürokratie, Steuern und Standortpolitik ist zu diskutieren und nicht die Moral der Wirtschaft. Denn dass Wirtschaft keine Moral besitzt, dass weiß die Welt seit 1929.


January 23rd, 2008 at 14:20
Ich bin für einen absoluten Nokia Boykott.
Ich denke nur das dies bei Nokia einkalkuliert ist wenn der Boykott nur einige Monate andauert.
Ein Boykott hat nur Sinn wenn er solange andauert bis es zu neuen Quartalszahlen kommt,
also bis zum Weihnachtsgeschäft. Die Aktionäre müssen es spüren, dann tut sich etwas.
Es funktioniert nur durch Nachhaltigkeit.
Wer erinnert sich noch an Mannesmann und Vodafon? Oder an den Stellenabbau der Deutschen Bank?
Oder BenQ mit den Siemens-Handys.
Ohne absoluten nachhaltigen Boykott hat es sicherlich keinen Zweck.
Igor
January 24th, 2008 at 20:18
[...] Diktatorischer werden… Stell’ ich mir grad’ auf so ‘ner to-do-Liste vor. Gleich darunter: “Fan-Brief an Schäuble schreiben” und “neues Nokia-Handy bestellen”. [...]
January 25th, 2008 at 23:31
Fein! Dann muss ich das ja nicht mehr schreiben
January 26th, 2008 at 12:12
Konsens spart Arbeit, sag ich immer
March 4th, 2010 at 14:06
@ igor…das wird sich wohl schlecht durchsetzen lassen….:-( Und außerdem müsste man dann noch ne Menge anderer Sachen boykotieren würde ich mal sagen…
LG
Edit: Gelsenkirchen Blog: Beim nächsten Versuch stelle ich eine Rechnung zu. Danke.
October 31st, 2011 at 16:57
So, jetzt ist Rumänien (arm)dran – ich habe mir seit Bochum kein Nokia Handy mehr gekauft und werde ich auch weiterhin nicht tun.
Igor