Netto-Kasse: Eine Sozialstudie

Netto-Kasse: Eine Sozialstudie
Bild unter CC-Lizenz von R Arno.

Manchmal erlebt man die interessantesten Dinge völlig unverhofft. So ging es mir vor ein paar Tagen, als ich eigentlich nur kurzfristig zwei Becher Schlagsahne brauchte und dafür in den nächstbesten Netto-Supermarkt in Gelsenkirchen spazierte. Die Situation war schnell klar. Die meisten Mitarbeiter waren dabei, Regale einzuräumen, während eine einzelne Kassiererin versuchte, dem gleichzeitigen Kundenansturm Herr zu werden. Die Kassenschlange war dementsprechend lang und ich stellte mich also mit meinen zwei Bechern Schlagsahne hinten an. Was ich dann erlebte, war eine Sozialstudie aller erster Güte.

Vor mir in der Schlange befand sich ein Ehepaar, dass mit merklich gerümpfter Nase die anderen Kunden beobachtete. Ich hörte gemurmelte Phrasen wie „Immer diese Hartzer“, „Sowas erlebt man nur bei Netto“ oder „Bei Kaufpark wäre uns das nicht passiert“. Dann kam der große Augenblick. Von hinten näherte sich ein Mann der Kassenschlange, der offensichtlich Migrationshintergrund hatte (wie man das ja heute so schön sagt) und dessen Einkaufswagen so voll war, dass ich dachte, er breche gleich zusammen. Im unteren Teil des Wagens befanden sich mehrere Six-Packs Cola, Wasser und Co., die bis an die Unterseite des eigentlichen Korbes gestapelt waren. Im Wagen befanden sich mehrere komplette Paletten Öl, Joghurt und Milch und eine Menge weiterer Artikel aus dem Netto-Markt. Der Wagen war sozusagen zum Bersten gefüllt. Dieser Mann nun hatte offensichtlich keine Lust ewig lange in der Schlange zu stehen und sprach den nächstbesten Netto-Mitarbeiter an: „Können Sie nicht mal eine zweite Kasse aufmachen?“ Sprachs und lief an der Schlange vorbei, um sich an der neuen Kasse schon mal anzustellen.

Was er damit lostrat hätte ich beim besten Willen nicht erwartet. Ich hörte den Mann vor mir etwas murmeln wie „Typisch für diese Asis“ und seine Frau rief empört ein „WIR warten hier AUCH ALLE“ durch den Laden. An dieser Stelle musste ich mir erstmals ein Lachen verkneifen. Natürlich war das Verhalten des Mannes mit dem vollen Wagen durchaus asozial, aber es ist doch in Supermärkten immer so, wenn eine neue Kasse geöffnet wird: Wer am schnellsten reagiert steht vorne. Einfach nur empört durch den Laden zu rufen, anstatt sich einfach mal zu bewegen hilft da sicher nicht weiter.

Ich entschloss mich nicht zu der neuen Kasse zu wechseln, da man dort sowieso hinter dem Jahreseinkauf keine Chance gehabt hätte und beobachtete die deutlich aufgebrachten Personen vor mir weiter. Wir näherten uns der Kasse und damit einem ziemlichen Gedränge, während vor mir weiter fleißig über „Hartzer“ und „Asis“ diskutiert wurde und darüber, wie langsam doch die Kassiererin wäre, die auf mich eher den Eindruck machte, zeitnah einen Herzinfarkt oder Schwächeanfall zu bekommen, so sehr hetzte sie sich ab. Die Frau des Ehepaares vor mir hatte dann allen Ernstes die „Güte“ ihren Mann darauf hinzuweisen, er möge doch bitte Platz machen, dass ich schon mal meine zwei Bescher Sahne auf das Band stellen könne. Kein Wort von: „Sie haben ja kaum was, gehen Sie doch eben vor“. Das ist meine normale Reaktion in so einer Situation, aber man darf ja heute scheinbar nicht mehr zu viel erwarten.

Wer jetzt glaubt, dass die Show schon vorbei war, hat die Rechnung ohne die beiden Frauen vor besagtem Ehepaar gemacht. Diese bekamen sich darüber in die Haare, dass eine der beiden der anderen wohl mehrfach den Einkaufswagen ins Kreuz gerammt hatte, was diese mit „Wenn ich noch einmal den Wagen ins Kreuz bekomme, dann…“ quittierte. Die Antwort darauf habe ich nicht exakt verstanden, ich kann aber sagen, dass der Tonfall alles andere als freundlich war und auch dort die Worte „Hartzer“ und „Asis“ vorkamen. So langsam fragte ich mich, wo ich eigentlich gelandet war, aber es kam noch besser.

Als die zweite Frau an der Reihe war, fragte die Kassiererin, ob sie denn wirklich die teure Tüte haben wolle, die sie auf das Band gelegt hatte. Die Antwort war eigentlich zu erwarten: „Natürlich! ICH kann mir die leisten. ICH gehe nämlich arbeiten.“ Die Antwort der Kassiererin kam dagegen völlig unerwartet und ich könnte der guten Frau heute noch dafür um den Hals fallen: „Ich gehe auch arbeiten, aber ich könnte mir die teure Tüte nicht leisten.“ Ich musste mir ein lautes „Danke!“ verkneifen.

Festzuhalten ist jedenfalls, dass so eine Kassenschlange bei Netto sich hervorragend für Sozialstudien eignet. Und mein Fazit ist eindeutig: „Asis“ gibt es definitv an beiden Enden der Vermögens-Skala. Die einen sind nur so sehr damit beschäftigt, sich über die anderen aufzuregen, dass sie gar nicht merken, wie asozial sie selbst sind. Wenn man sich für „reich“ und was besseres hält, dann könnte man halt auch einfach in den Kaufpark gehen, anstatt bei Netto Geld zu sparen und sich dann über die „Asis“ aufzuregen.

Für mich persönlich kann ich jedenfalls nur sagen: Eine bessere Show hätte ich für 90 Cent NIRGENDWO bekommen und mir wurde ein weiteres Mal deutlich vor Augen geführt zu welcher Gruppe Menschen ich definitiv NICHT gehören möchte.

 

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