Nachruf: Terry Pratchett

Gestern verstarb der Fantasy-Autor Terry Pratchett im Alter von 66 Jahren an den Folgen seiner Alzheimer-Erkrankung. Zum Gedenken, zur Reflexion und zur Verbreitung seiner Werke schreibe ich hier einen persönlich-subjektiven Nachruf.

Gestern verstarb der Fantasy-Autor Terry Pratchett im Alter von 66 Jahren an den Folgen seiner Alzheimer-Erkrankung. Zum Gedenken, zur Reflexion und zur Verbreitung seiner Werke schreibe ich hier einen persönlich-subjektiven Nachruf.
Wie könnte man dabei besser anfangen als mit einer Rekapitulation der Scheibenwelt-Romane? Keine Frage: Pratchett hat auch andere fantastische Erzählungen geschrieben, die sich wahrlich nicht verstecken müssen. Doch der internationale Erfolg, der über Dekaden anhaltende Ruhm, der frenetische Fanatismus seiner Anhänger basiert ganz eindeutig auf den Erzählungen von der Scheibenwelt. Hier konnte Pratchett in seinem selbstgeschaffenem Universum schalten und walten, wie er es wollte. Trotz aller Details war diese Welt immer kongruent, Pratchett überließ nichts dem Zufall oder der negativen Kritik romanübergreifender Anschlußfehler. Nicht zuletzt deswegen war es ihm vermutlich relativ leicht möglich, die Gruppen der immerhin etwa 40 Scheibenwelt-Romane immer wieder zu verschmelzen oder zueinander in Bezug zu setzen; die Romane um die Stadtwache, um die unsichtbare Universität, um den betrügerischen Feucht von Lipwig oder nicht zuletzt um Tod. Dabei liefert Pratchett aber nicht einfach seichte Unterhaltung mit hoher Komikdichte. Jeder Roman – und das behaupte ich, ohne bisher alle gelesen zu haben – verfolgt allgemeine Motive, wie es z.B. diese Auflistung bei Wikipedia darstellt. Vom Sinn des Lebens über die Wirren des Krieges bis hin zu den übelsten Verbrechen der Menschheit ist fast alles dabei – und an und wann bleibt einem dabei wahrlich das Lachen im Halse stecken (bei mir z.B. besonders in „Die Nachtwächter“). Pratchett schaffte es, in komischen Erzählungen äußerst ernste Gegenstände anzusprechen. Und er paarte dies mit absolut liebenswerten Charakteren. Der hartkantige Samuel Mumm, der edle Prinz Karotte, die animalisch-reizvolle Anguar, die liebevoll-herrschaftliche Lady Käsedick, der gemütliche Fred, der verschlagene Nobby, der tumbe Troll Detritus, der verwirrte Gelehrte Rincewind, der antropomorphe Tod, selbst frankensteineske Geschöpfe wie Igor brachten und bringen uns immer wieder zum Lachen und zur Nachsicht bezüglich ihrer Fehler. Das gilt sogar für den despotischen Patrizier Vetinari, der seinen Despotimus reflektiert und wohlwissend an- oder abwendet. Dabei schaffte es Pratchett auch immer wieder, humanistischen Bildungsgütern einen Platz zuzugestehen, indem er sie mal mehr, mal weniger direkt ansprach oder auch hier und dort nur eine Parodie derselben darstellte.

Bei YouTube gibt es einiges zu Terry Pratchett zu sehen, darunter ganze gelesene Hörbücher. Einige von Pratchetts Romanen wurden auch verfilmt, wie z.B. das zuletzt veröffentlichte „Ab die Post„, wunderbar besetzt mit Richard Coyle (eventl. bekannt aus „Coupling“), Charles Dance (eventl. bekannt aus „Last Action Hero“), Andrew Sachs (eventl. bekannt aus „Fawlty Towers“) und Tamsin Greig (eventl. bekannt aus „Black Books“ oder „Shaun of the dead“). Es gibt tolle Hörbücher der Scheibenwelt-Romane, meine liebsten sind die von Michael Che Koch gelesenen. Zudem gab es in den 90ern auch Computerspiele zur Scheibenwelt.

Wahrlich nicht unproblematisch war dabei Pratchetts Einschätzung der Deutschen. In einer Dokumentaion zu seinem geplanten Suizid in der Schweiz machte es der Brite mehr als deutlich, wie wenig er von Deutschland und seiner Bevölkerung hält. Man kann hinterfragen, was die vielleicht 16- oder 20-jährigen Leser im Jahr 2010 mit den Gräueltaten in den 1940er Jahren zu tun haben. Pratchetts Deutschland-Bild findet sich aber auch immer wieder in seinen Scheibenwelt-Romanen, z.B. im Land „Uberwald“, in dem Werwölfe und Vampire Jagd auf die menschliche Bevölkerung machen, während sich die Menschen vor allem auch tiefsinnigen philosophischen Fragen widmen…

Was bleibt? Die unbedingte Empfehlung, die Scheibenwelt-Romane zu lesen. Am besten fängt man wohl mit einem frühen Werk an. Empfehlenswert erscheint hier z.B. „Wachen! Wachen!“, der einen sehr schön in die Gruppe der Stadtwache-Romane einführt und für sehr kleins Geld gebraucht im Netz zu finden ist. Alternativ natürlich der erste Roman überhaupt, „Die Farben der Magie“, der übrigens auch verfilmt wurde.
Um es mit dem Jargon der Scheibenwelt zu sagen: ruhe wohlig, Terry Pratchett! Deine Sanduhr ist abgelaufen, der Schnitter kappt den nächsten Halm. Und die Scheibenwelt trauert um ihren Schöpfer.

Nachruf im Spiegel

Foto von Luigi Novi via Wikipedia

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