Mörderisches Betriebsklima

Der vermisste Mirco aus Grefrath ist tot. Diese Nachricht erreichte Deutschland wie eine Erlösung. Erlösung deshalb, weil Gewissheit erlösender ist als Hoffnung und Bangen um das Schicksal des Jungen. Die Eltern sind und ganz Deutschland ist nun in die Lage versetzt, das Erlebte – falls möglich-  irgendwie zu verarbeiten.

Während Mirco in einer für NRW einzigartigen Polizeiaktion, die von einer einzigartigen Medienberichterstattung begleitet, gesucht wurde, entwickelte die aufgeschreckte Öffentlichkeit eine Erwartungshaltung über die oder den mutmaßlichen Täter. Eine pädophile Bestie hatten die Menschen wohl erwartet. Wer sonst könnte einem kleinen Jungen so etwas antun? Arbeitslos, vorbestraft, unrasiert, gefährlich und gescheitert, das ist das Vorurteil des Bösen.

„Der Teufel ist ein Eichhörnchen.“

Umso mehr überrascht wurde die Öffentlichkeit von der Festnahme des mutmaßlichen Täters, der kurze Zeit später einknickte, die Tat gestand und die Ermittler zur Leiche von Mirco führte. Ein 45-jähriger Familienvater in mittlerer Position bei einem großen Telekommunikationsunternehmen beschäftigt, entsprach nicht der zu erwartenden Entdeckung der Bestie. Gelsenkirchen Blog Autor Martin brachte diesen Umstand treffend auf den Punkt: „Der Teufel ist ein Eichhörchen„. Gewissermaßen der Wolf im Scharfspelz, eine Kurzschlussreaktion aus der Mitte der (Erwerbs-) Gesellschaft.

Die Öffentlichkeit bekommt die Schublade nicht mehr zu.

Während das Boulevard und einige Nachrichtenmagazine Mirco aufgrund mangelnder Sensation auf die zweite Seite verdrängt haben, bekommt die Öffentlichkeit die gedanklich geöffnete Schublade nicht mehr zu. Die Bestie ist nun- das war über die Medien noch zu erfahren- überaschenderweise ein Eichhörnchen. Aber wenn dem so ist, dann muss es doch wenigstens ein schwules und pädophiles Eichhörnchen sein. Doch auch dieser Erwartung scheint der Fall „Mirco“ nicht zu entsprechen. Mirco war ein absolutes Zufallsopfer und nicht etwa die sexuelle Komponente war ausschlaggebend für den Täter, sondern das Spiel mit der Macht. Der Täter wollte erniedrigen, weil er von seinem Vorgesetzten erniedrigt wurde. Und damit sind die Karten neu gemischt. Alle linearen Erklärungsversuche sind vorerst ungültig geworden.

Die Aufklärungsarbeit fängt jetzt erst an.

Jetzt, wo die Polizei den Fall bald zu den Akten legt, fängt die eigentliche Aufklärungsarbeit aber erst an. Allenfalls die Justiz wird ein sozialpsychologisches Auge auf den Fall Mirco werfen. Vielleicht. Zu oft sind es psychatrische Gutachten, die in Verfahren herangezogen werden und auf dessen Grundlage Urteile gesprochen werden. Im Falle Mirco ist klar, was passiert ist. Aber es liegt weit im Verborgenen warum. Was war das für ein Gespräch, das Mircos Mörder mit seinem Vorgesetzten geführt hat? Wie war und ist das Betriebsklima in der Abteilung des Mörders? Welchen Ruf hatte der Vorgesetzte ? Ist es üblich Mitarbeiter zu erniedrigen? Es geht nicht darum eine Entschuldigung für den Tod von Mirco zu finden. Das ist nicht zu entschuldigen. Aber es geht darum zu ergründen, was einen scheinbar integren Mann zu einer solchen Gräueltat bewegt. Solange wir nicht die Frage nach den Umständen zentralisieren, werden wir auch zukünftig überrascht sein, wozu Menschen aus unserer Mitte im Stande sind. Ein „mörderisches Betriebsklima“ ist ein gesellschaftliches Problem und kein psychatrisches. Und wenn wir, wie Martin konstatieren, dass die Welt da draußen böse ist, dann würden als Antwort auf die Frage nach den Umständen der Tat zur Antwort bekommen, dass es diese Welt selbst ist, die diese Eichhörnchen füttert.

 

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