Melodien aus dem Brotkasten

Im Rückblick besinnt man sich gerne auf Wurzeln. Heute sind Computer allgegenwärtig und mitunter so klein, dass man sie kaum noch wahrnimmt. Man kann darüber streiten, wie, wann und wo der heutige Stand der Technik seinen entscheidenden Ausgangspunkt genommen hat. Aber man kann nicht darüber streiten, dass die 1980er Jahre eine ungemein prägende Rolle in der Veralltäglichung des Computers gespielt haben. In der Literatur feierte der Cyberpunk seine Hochzeit, Kraftwerk standen als Pioniere der elektronischen Musik mit dem Album Computerwelt in den Charts und in Wargames durfte Matthew Broderick Tic Tac Toe gegen einen Computer spielen, um einen realen Atomkrieg abzuwenden. Die Entwicklung der Heimcomputer führte dazu, dass solche Geräte kleiner und bezahlbar wurden und der Computer dadurch auch im privaten Bereich kontinuierlich an Bedeutung gewann.

Der wohl populärste Vertreter solcher Heimcomputer war und ist der Commodore 64 – kurz: C64. Der wegen seiner Bauweise oft auch liebevoll als „Brotkasten“ bezeichnete Rechner konnte sich nicht zuletzt dank seines vergleichsweise günstigen Preises als meistverkaufter Heimcomputer der 80er Jahre durchsetzen und Jugendlichen wie Junggebliebenen unzählige Stunden Spielspaß bescheren. Die Faszination am C64 vereinte Spieler, Anwender und Bastler, die seine technischen Möglichkeiten immer weiter ausreizen wollten. Schon damals gab es Gruppen, die jedem Kopierschutz den Garaus machen wollten. Ihre Erfolge schmückten sie, indem sie dem jeweiligen Spiel ein eigenes Intro hinzufügten und darin Freunde grafisch wie musikalisch grüßten.

Später führte die Begeisterung für solche Kompositionen dazu, dass in der neu entstandenen Demo-Szene einzelne Gruppen audiovisuelle Kunstwerke programmierten, die nicht mehr als Vorspann für ein Computerspiel genutzt wurden, sondern einzig zum Selbstzweck existierten – und den szeneinternen Ruf der Programmierer steigern sollten. Möglich wurde dies überhaupt erst durch den eigens entwickelten SID-Chip, der den C64 von seinen schlicht piepsenden Vorgängern abhob und zu so etwas wie einem kleinen Synthesizer machen konnte, der tatsächlich elektronische Musik statt bloßer Töne erzeugte.

Die technischen Möglichkeiten des C64 passten generell zum Musikgeschmack der 80er Jahre, elektronische Tanz- und Popmusik war auf dem Vormarsch. Computermusiker wie Rob Hubbard und Chris Hülsbeck versorgten Spiele mit eingängigem Sound und Melodien solcher Klassiker wie Commando, International Karate, The Great Giana Sisters oder Turrican versetzen den Spieler von damals auch heute noch in die Tage seiner Jugend vor dem C64 – ein Proust’scher Madeleine-Moment in 8 Bit. Tatsächlich war die Begeisterung für die Musik zu jener Zeit dermaßen stark, dass sie mitunter das eigentliche Spiel in den Hintergrund des Interesses treten ließ. Diese Musik sollte Spuren hinterlassen.

Auch nach der großen Zeit des C64 beschäftigten sich Enthusiasten mit seiner Musik und entsprechende Referenzen finden sich heute neben der eigenen 8-Bit-Szene auch immer wieder in diversen elektromusikalischen Strömungen der Gothic-Szene, die ja ebenfalls ein Kind der Achtziger ist. Direkte Einflüsse auf die heutige Musik gibt es bei Bands von A bis Z, von einer C64-Songversion der norwegischen Future-Pop-Combo Apoptygma Berzerk bis hin zum Hit Kernkraft 400 des deutschen Projekts Zombie Nation, bei dem die Melodie dem C64-Spiel Lazy Jones entnommen wurde. Bands wie 8 Bit Weapon oder Welle: Erdball gehen noch einen Schritt weiter: sie nutzen auch heute noch einen C64 zur Produktion ihrer Songs. Die Faszination an SID-basierter Musik hält sich damit nun bereits seit etwa 25 Jahren. In dieser Zeit haben sich Möglichkeiten des Konsums und Genusses ausgefächert. Wem die aktuelleren Interpretationen der zuvor genannten Bands zu fortschrittlich sind, der findet im Internet Radiostationen, die rund um die Uhr die Spielemusik der Achtziger senden – Originalversionen, Remixe oder Eigenkompositionen. Wer es hingegen bombastisch mag, war im Jahr 2008 vielleicht beim ersten Spielemusikkonzert der Welt zugegen, das Titel von Chris Hülsbeck mit 120 Orchestermusikern spielte – und nach sechs Tagen ausverkauft war. Musik und Songs der C64-Ära wissen also auch heute noch zu bezaubern und retten ein Stück der „guten alten Zeit“ in die Gegenwart. Oder wie es in einem C64-Fanvideo heißt: „All we have left now are the nostalgia of the times we all loved. But we still remember the music. And the music was the force in ‚em all.“
Doch nicht nur die Musik, sondern die ganze C64-Szene lebt. Emulatoren bringen die Spiele von damals auf heutige Computer, Internetforen ermöglichen Interessierten den globalen Austausch und in der Demo-Szene, die sich mittlerweile weiterentwickelt und auf andere Systeme ausgebreitet hat, nimmt der C64 eine überaus beliebte Sparte ein. Aktuelle C64-Romane versorgen die verblassten Erinnerungen wieder mit frischer Farbe und tatsächlich geht der Retro-Kult um den C64 soweit, dass es sogar eine C64-App für das iPhone von Apple gibt – ausgerechnet Apple, dem größten Konkurrenten von Commodore in den Achtzigern.

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