McFit’s Sponsor Debakel zur Loveparade

Rainer Schaller trat bei der Pressekonferenz in Duisburg als Geschäftsführer der Lopaevent GmbH auf. Wie auf der Schlachtbank wirkte der sonst so sonnige und immer von Erfolgen berichtende Unternehmer auf dem Pressepodest. Eine solche Niederlage, wie er sie nun als verantwortlicher Veranstalter der Loveparade erlebt, musste der smarte Selfmademillionär, der „hauptberuflich“ Gründer und Geschäftsführer der marktführenden Fitnesskette McFit ist, noch nie hinnehmen.

Schallers Welt ist die „Fitnesshalle für alle“, eine Welt in der „Einfach [alle] gut aussehen“. Die Marke McFit ist sein Lebenswerk. Und dieses Werk kannte bisher immer nur eine Richtung: nach oben. Der einstige Einzelhandelskaufmann, der sein Handwerk bei Edeka lernte, eröffnete sein erstes Fitnessstudio in Würzburg und züchtet seitdem ein Fitness-Unternehmen, das heute die höchsten Mitgliederzahlen in Deutschland aufweist. Aktuell expandiert McFit auch nach Österreich und verfügt über ein Showstudio auf der Lieblingsinsel der Deutschen, Mallorca.

Neben dem operativen Geschäft, das Schaller sehr pragmatisch skizziert, nämlich günstige Trainingsmöglichkeiten ohne Luxus wie Saunen, Solarium und Programme, versteht sich McFit im Rahmen eigener Marketingaktivitäten als Sponsor großer Events mit Lifestylecharakter. Stefan Raabs Haudrauf Events, die Klitschkos und – auch die Loveparade werden aus Marketingsicht auf absolutem Weltniveau zu einer einzigartigen Markenbekanntheit in Deutschland verwandelt. Medienwerte in Millonenhöhe sorgen für Zulauf in den Studios und gesteigertem Umsatz im Kerngeschäft. Das System McFit ist professionell, modern und zu 100% auf die erlebnisorientierte Zielgruppe im Alter von 16-35 ausgerichtet.

Auch die Marke „Loveparade“ wurde von der wohl zu diesem Zweck gegründeten Firma „Lopaevent GmbH“ erfolgreich weitergeführt. Nichts war für die McFit Marketingstrategen greifbarer als einen Imagetransfer auf die ohnehin schon penetrierte Marke McFit herbeizuführen. Das Lebensgefühl der Kernzielgruppe, Tanzen, Liebe, Freiheit und Spass sollte als Symbol für Jugendlichkeit, Aktivität und Lifestyleorientierung auf die Marke McFit projiziert werden. Wo kann dies leichter geschehen, als an einem Ort, an dem die Kernzielgruppe ausgelassen und in Feierlaune in Heerscharen zusammenkommt?

Doch es sollte anders kommen. Die Loveparade wurde zur Deathparade. 1 Toter wäre schon zuviel gewesen, aber 19 Tote zeugen von einer Katastrophe, wie sie nach deutschen Sicherheitsstandards niemals hätte passieren dürfen. Schaller, der, als die Verträge unterschrieben wurden, als Retter der Loveparade stillisiert wurde, steht nun als Veranstalter im Kreuzfeuer der unbequemen Fragen. Sichtlich getroffen und ergriffen lässt er an ihn gerichtete Fragen von seinem Pressesprecher – formal – beantworten. Meistens jedoch sind die Antworten auf die gestellten Fragen, aus Sicht des Pressesprechers, Gegenstand staatsanwaltlicher Ermittlungen und bleiben aus diesem Grund unbeantwortet.

In Deutschland ist neben den Behörden der Veranstalter maßgeblich für das Sicherheitskonzept verantwortlich. Und nun steht der größte Fitnessunternehmer Deutschlands als Veranstalter indirekt in der Verantwortung für das traurige Ende von 19 jungen Menschenleben. Ich bin mir sehr sehr sehr sicher: Hätte er es verhindern können, Schaller hätte es getan. Dass ausgerechnet der auf Professionalität  bedachte Schaller auf ein schlechteres Sicherheitskonzept aus Kostengründen umschwenkt, halte ich persönlich für absolut ausgeschlossen.

Die Tragödie ist auch ein Akt des Schicksals und der bisher tragischste, traurigste und teuerste Gau in der deutschen Marketinggeschichte. Die Frage nach der Schuld, wie sie medial im Raum steht, kann – wenn überhaupt – nur juristisch geklärt werden. Eine moralische Verantwortung bei den Veranstaltern ausmachen zu wollen, hielte ich für vermessen. Und die Toten bringt es uns nicht zurück.

Foto: Wikipedia CC-Lizenz.

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3 Kommentare zu “McFit’s Sponsor Debakel zur Loveparade”

  1. Kai
    26. Juli 2010 at 20:25 #

    Das ist echt ein Debakel für den Mann. Ich habe sogar gelesen, dass er wohl nur bei der AXA ne Police über 7,5 Millionen Euro für Sach- und Personenschäden gehabt haben soll.

    Ein Opferanwalt meinte schon, dass das kaum reichen werde. Für den Rest müsste er dann persönlich geradestehen. Das könnte in der Tat sein gesamtes Lebenswerk ruinieren, wenns ganz übel ausgeht…

  2. Stefan
    27. Juli 2010 at 07:16 #

    „Ein Opferanwalt meinte…“
    Soll er ja auch. Ist aber eben nur eine Meinung…

    Ganz so „einfach“ wird das wohl eher nicht. Damit nicht nur die Lopavent GmbH mit ihrem Firmenvermögen (dass sich wohl in einigen Büromöbeln erschöpfen wird) haftet, sondern auch der Geschäftsführer persönlich, müssen Sie ihm in aller Regel ein persönliches Verschulden nachweisen.

    Günstig wäre dafür z.B. eine aufgezeichnete Aussage wir „Mir egal, was auf der Genehmigung steht. Schafft Sie alle durch den Tunneln rein, ohne Rücksicht auf Verluste…“. Eher unwahrscheinlich…

    Die wahrscheinlichste Variante: Alle im Planungsstab haben es (ob des Erfolgsdrucks) zusammen verbockt und es sind Ereignisse eingetreten, die niemand geahnt hat. Eine passende Parallele gab’s gestern im WDR Fernsehen, wo nach der aktuellen Berichterstattung ein Beitrag zum Concorde-Absturz vor zehn Jahren kam.

    Erst wird der Sicherheitsspielraum hier und da ein wenig verkleinert und dann passiert etwas, was als unwahrscheinlich gilt und das geht dann noch bärig schief und irgendwer baut vielleicht sogar in der Hektik noch Mist, weil ja genau dieser Fall im Vorfeld nicht ausreichend besprochen war. Reflexartig drehen sich alle Verantwortlichen um und zeigen mit dem Finger auf den, den sie am wenigsten mögen und sagen: „Wenn schon einer Schuld sein muss, dann am liebsten der…“

    7,5 Mio sind nach deutschem Haftungsrecht übrigens gar nicht so wenig. Bei knapp 500 zu beklagenden Opfern sind das immerhin noch 15.000 pro Einzelfall und der Großteil der Verletzten wird wohl (gottseidank) ohne Folgen davonkommen. Den Rest rechnen sich die Anwälte schön und dann passt das schon fast…

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