Linnenbrink’s schulpolitischer Selbstmord. // Gelsenkirchen Blog

Linnenbrink’s schulpolitischer Selbstmord.

11 July 2012 von Dennis

Das Gelsenkirchener Sommerloch diskutiert dieser Tage einen pädagogischen Vorstoß des Max-Planck Gymnasiums in Buer, der atypischer für diese Institution nicht sein kann. Schulleiter Linnenbrink möchte die Hausaufgaben mittelfristig abschaffen.

Kompensieren sollen dies innovative Schulstunden, die für eine Unterrichtsstunde 90 Minuten statt wie üblich 45 Minuten vorsehen. Erziehungswissenschaftlich betrachtet haben Schulstundenlänge mit dem Sinn und Zweck von Hausaufgaben zwar nichts zu tun, aber die Grundüberlegung ist sympathisch. Besonders bedeutsam wird die Notiz aus Buer, weil sie vom – so erzählt man sich unter Schülern – konservativen Max-Planck-Gymnasium ausgeht. Und wie zu erwarten ist, mögen die alteingesessenen Gymnasien mit ähnlich elitärem Ruf soviel Reform(pädagogik?) nicht so recht an sich heran lassen.

Hausaufgaben abzuschaffen ist eine “Illusion”, sagt die Leitung des Annette-von-Droste-Hülshoff- Gymnasiums und auch das Leibnitz Gymnasium findet den Vorstoß “nur bedingt nachahmenswert”.

Argumentation der Lehrer dort: Die Hausaufgaben seien unabläßlich, den durch die Verkürzung der Schulzeit von 13 auf 12 Schuljahre komprimierten Schulstoff zu verinnerlichen. Statt sie gänzlich abzuschaffen, stelle man zumindest am Leibnitz eine Hausaufgabenbetreuung durch ältere Schüler zur Verfügung.  Das diese ebenfalls in der Schule stattfinde, weiß Leiter Konrad Fulst, dennoch - so zitiert ihn die heutige Ausgabe der WAZ - werde die Betreuung von den Schülern sehr geschätzt.

Die Zeit Konzepte sind erprobt, aber nicht flächendeckend an klassischen Gymnasien.

Linnenbrink’s Vorhaben ist im Rahmen der Lehr-Lernforschung gewissermaßen ein alter Hut. Gerade in Leistungskursen wie Physik, Mathematik und Biologie verhindert der 45 min Rhythmus oft die Möglichkeit, eine Thematik umfassend zu entfalten. Größere Tafelbilder, Herleitungen oder die abschließende Zusammenfassung von Impulsreferaten sind unmöglich. Nichtsdestotrotz verfahren die meisten Gymnasien strukturell nach dem starren Zeittakt. Innovative Lehrer, vermögen ab und an mit Fachkollegen die Fachstunden zu tauschen, eine strukturelle und vor allem flächendeckende Lösung gibt es nicht. Dabei ist das Aufrechterhalten dieses Nachteils eher politischer Natur, denn pädagogischer.

Das Gymnasium steht für die Ausbildung einer zukünftigen gesellschaftlichen Gruppe, die sich später einmal in höheren Berufen betätigen soll. Der soziologische Blick auf die Familien der Schüler an Gymnasien zementiert zumindest quantitativ einen eher bürgerlichen Eindruck. Die Söhne und Töchter von Ärzten, Rechtsanwälten und leitenden Beamten sollen lernen, wie es das traditionelle Gymnasium vorsieht. Dies zwar auf hohem innovativen Niveau, etwa mit Laptop, Ipad und Smartboard, aber doch bitte ohne pädagogische Experimente. Dafür gibt es schließlich die Gesamtschulen, die im übrigen neue pädagogisch-didaktische Konzepte mit großem Erfolg – auch in der Oberstufe – anwenden. Die Formulierung mag etwas spitz sein, aber im Kern ist dies ein Grund, warum sich die konservativen Gymnasien dagegen wehren. Die Abwehrreaktion von AVD und Leibnitz agumentieren zwar pädagogisch dagegen, soziologisch sind aber  gerade diese Gymnasien, wie auch das MPG als elitäre Einrichtungen berühmt und leider auch berüchtigt. Dass der Schulleiter des MPG nun mit dem Vorstoß die Hausaufgaben abzuschaffen ausbricht, verdient viel Mut. Schließlich steht er nach der Absage von AVD und Leibnitz allein da.

Und noch hat Linnenbrink die Rechnung nicht mit den Elternpflegschaften gemacht. Nicht selten finden sich dort Zeitgenossen, die Leistungsdruck und Aufopferung nicht verwerflich finden. Für die sind Linnenbrink’s Pläne mit Sicherheit schulpolitischer Selbstmord.

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