Kommentarius Prekarius.

Nicht selten habe ich das Gefühl, dass gut frequentierte Beiträge dieses Blogs häufiger kommentiert werden sollten. Immer dann, wenn ich einige Kommentare bei DerWesten.de mitanlese, bin ich froh, dass hier im Gelsenkirchen Blog die Schwemme an Trollen und Kleingeistern bisher ausblieb (Jedenfalls in diesem Ausmaß).

Ganz aktuell entbrennt im Kommentarbereich eines sehr ernsten und eigentlich nachdenklich stimmenden Beitrag von Lars-Oliver Christoph die Hetzjagt auf einen Mann, der – wenn man so will – an den bürokratischen Hürden deutscher Hochschul-, Sozial-, und Integrationspolitik zu scheitern droht. Doch entgegen der Intention, durch den Beitrag beim Leser eine Reflektion über die komplexen Hürden deutscher Gesetzgebung auszulösen, kommentieren sich Streitsüchtige in Rage. Selbst Nicknames, die sonst eindeutig Linkes Gedankengut verbreiteten, klettern die Niveauleiter weit hinab und stellen nicht das System, sondern die Existenz des Protagonisten in Frage.

Worum es geht, fasst Lars-Oliver Christoph glasklar zusammen:

Sherif Mikhail ist in Ägypten zum Zahnarzt ausgebildet worden. Er hat an der Uni Lübeck den Doktortitel erlangt und im Ruhrgebiet in zwei Praxen für eine befristete Zeit als Zahnarzt gearbeitet. Trotzdem steht der inzwischen eingebürgerte 42-Jährige vor dem Nichts. Weil seine Ausbildung hier nicht anerkannt wird. Und weil er zwar einen Studienplatz bekommen hat, als Hartz-IV-Empfänger jedoch kein Geld hat, die ergänzenden Zahnmedizin-Semester nachzuholen (vgl. DerWesten).

Dem bildungs- und bildungssystem fernen Leser vermag die Vielschichtigkeit der unterschiedlichen Problemlagen nichteinmal einleuchten. Er stellt sich nicht die Frage, wie es denn sein kann, dass die Promotion, also die Erlangung eines Doktortitels an einer deutschen Hochschule möglich war – das im Ausland absolvierte Studium also anerkannt wurde  – das Studium nach abgeschlossener Promotion in Deutschland aber zur Berufsausübung als ungültig erklärt wird. Dies ist die erste Problemlage, die den mehr oder weniger reflektierten Menschen zum Nachdenken veranlasst. Denn entweder ist das Studium des Ägypters mit der deutschen Ausbildung vergleichbar oder aber die Promotionsordnung der Universität Lübeck ist lückenhaft. Möglich wäre darüber hinaus, dass die zuständige Kammer ein Interesse daran haben könnte, die Zulassungen zu beschränken. Zuviel Konkurrenz ist schließlich schlecht fürs Geschäft.

Die zweite Problemlage ergibt sich aus der scheinbaren Auswegslosigkeit der Situation. Zwar könne der Mann nun gewisse Studieninhalte an einer deutschen Hochschule „nachstudieren“ und sich der Zulassung erneut stellen, doch sind dazu schließlich Studiengebühren fällig. 500 Euro + Semestergebühr, insgesamt also knapp 800 Euro pro Semester. Die dritte Problemlage ergibt sich aus der Vernichtung der finanziellen Existenzgrundlage, würde Mikhail das Studium tatsächlich beginnen. Denn: Mikhail lebt derzeit notgedrungen von Hartz4. Studenten haben in Deutschland aber generell keinerlei Ansprüche auf diese Form der sozialen Sicherung.

Zusammenfassend dürfte einleuchten, dass hier im System irgendwas nicht stimmen kann. Doch zu welchen Aussagen und Schlüssen lassen sich die Gelsenkirchener Prekariatskommentatoren voll Kraft und Zauber angesichts dieses Dilemmas verführen? Eine traurige Übersicht:

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Während „geronimo“ die Problemlage kognitiv nicht zu durchdringen vermag und es als „blödes Gejammere“ identifiziert, erklärt der kluge “ lebbe_is_hart“ die juristischen Implikationen des ALG II. Darüber hinaus maßt er sich an zu beurteilen, dass die Situation des Ägypters als selbstverschuldet zu beschreiben ist. „XPallorX.“ entdeckt seine Ader als Philanthrop und empfiehlt zurück nach Ägypten zu gehen, um dort zu „Ruhm und Reichtum“ zu kommen. Ich weiß nicht, aber fehlgeleiteter, arroganter und fremdenfeindlicher können Kommentare aus meiner Sicht kaum sein.

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Weitere Kommentare, die aber nicht wirklich lesenswert sind, gibts hier.

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10 Kommentare zu “Kommentarius Prekarius.”

  1. Stefan
    4. Dezember 2009 at 06:51 #

    Die Kommentare im Westen sind oft voller Bösartigkeit, so dass ich da kaum noch kommentiere und ich auch glaube, dass der normale WAZ-Leser, der vielleicht Lust hätte, von den Irren die da rumlaufen abgeschreckt wird. Wie schön dass das Ruhrgebiet genug gute Blogs hat, in denen vernünftig diskutiert wird.

  2. karl
    4. Dezember 2009 at 10:57 #

    wie war das noch? „wenn die klugen immer nachgeben,…“ 😉

  3. Patti
    4. Dezember 2009 at 12:43 #

    Kommentare bei DerWesten zu lokalen Themen mit politischer Bedeutung sind zu 99% von Kommunalpolitikern oder Verwaltungsmitarbeitern. Trotzdem ist dort das Niveau auch nicht so viel besser wie bei o.g. Artikeln.

    Bei jeglichem Artikel bei dem es um Menschen mit Migrationshintergrund oder Hartz4 geht, sinkt das Niveau extrem.
    ist aber nicht nur bei DerWesten so.
    auf SpiegelOnline genauso.

    Ich denke, das liegt aber auch daran, dass die meisten Menschen halt keinen Bedarf sehen, zu kommentieren. Bzw deren Kommentarhäufigkeit viel viel geringer ist. Dadurch wird, egal ob bei DerWesten, SpiegelOnline oder Zuschauerkommentare bei „Hart aber Fair“ immer der kleinere, ängstliche, fremdenfeindliche, eher bildungsferne Teil der Leser/Zuschauer überdeutlich gehört.

  4. Pallor
    4. Dezember 2009 at 18:56 #

    Tja und was wir sonst noch mitbekommen ist das einige Trolle im Westen unter falschen Pseudonymen arbeiten um Leute zu diskreditieren.

    Z.b. schreibt dort ja nicht „XPallorX“ was ich wäre sondern „XPallorX.“, ein gezielter Versuch Desinformationen zu streuen.

    Paul

  5. Dennis
    4. Dezember 2009 at 19:25 #

    @Pallor Lass das vom Community Management sofort löschen. Ich bin da jetzt auch drauf reingefallen.

  6. Maik Gorski
    4. Dezember 2009 at 23:37 #

    Ich denke, dass der Westen auch ziemlich in der Zwickmühle steckt,was das Löschen von solchen Kommentaren angeht. Wenn ein Kommentar abgesetzt wird, um mutwillig zu provozieren, würde ich den einfach löschen. Wenn die Leute von DerWesten einen solchen Kommentar entfernen, um vielleicht die Kommentarkultur aufrecht zu erhalten, schreien alle sofort Zensur.

    Das ist ein zweischneidiges Schwert. Glaube auch, das ist eines der größten Probleme im Web 2.0.

  7. Pallor
    5. Dezember 2009 at 01:39 #

    Persönlich würde es dem Niveau im Westen sehr gut tun wenn keine Kommentare ohne Anmeldung abgegeben werden können.

    Der Aufwand für Trolle wird einfach erheblich höher.

    Paul

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