
Kann man dem Jugendamt zumuten, jedes Etablissement in GE zu kennen?
Nein, das kann man sicherlich nicht. Und deshalb mutet die WAZ Berichterstattung mit der Überschrift “Kein Kitabetrieb im Rotlichtmileu” doch zumindest eigentümlich an. Denn der durch den Artikel induzierte Eindruck führt zum einen leicht in die Irre und wirft zum anderen ein dümmliches Licht auf den Referatsleiter Wissmann. Ganz ungerechtfertigt ist die Kritik am Referat allerdings auch nicht.
Was genau erscheint irreführend?
Vor nicht all zu langer Zeit stand das Jugendamt bzw. das Referat für Erziehung und Bildung unter massiver öffentlicher Kritik, die im Wesentlichen ebenfalls durch eine WAZ “Enthüllung” herbeigeführt wurde. Herausgefunden haben will die WAZ, dass sich ein deutschlandweit erfolgreiches Therapieprojekt für jugendliche Sexualstraftäter in den Räumlichkeiten einer Gelsenkirchener Kindertagesstätte befindet. Skandal an der Geschichte damals: Die Eltern sollen nicht über diesen Umstand informiert worden sein. Passiert ist bisher nichts.
Schon kurz darauf dementierte die Stadt in einer Presseerklärung (9.Oktober 09), dass der WAZ Artikel in allen entscheidenden Passagen schlicht falsch sei. Das Therapieprojekt befände sich nicht IN der Kita, sondern auf städtischem Gelände BEI der Kita. Dass niemand über das Therapieprojekt informiert worden sei, wies die Stadt ebenfalls von sich (siehe Link). Konsequenz aus der Berichterstattung war die Einsicht bei der Stadt, dass das Therapieprojekt räumlich getrennt werde. Überschrift damals: “Keine Sexualstraftäter-Therapie mehr in Gelsenkirchener Kita”
Wenn nun in der WAZ die Überschrift “Kein Kitabetrieb im Rotlichtmilieu” zu lesen ist, entsteht doch der Eindruck, die Stadt hatte die Absicht, die Kita, von der damals die Rede war, aus der Umgebung des Therapieprojektes für jugendliche Sexualstraftäter direkt ins Rotlichtmilieu zu verlegen. Erst beim genaueren Lesen des Artikels wird deutlich, dass es sich um eine andere Kita handelt, die in das Geschäftshaus an der Liboriusstraße 37 verlegt werden soll. Dem Einen oder Anderen mag es nun ebenfalls unverständlich vorkommen, wie es der Stadt, bevor sie die Empfehlung für diese Immobilie vorlegte, verborgen bleiben konnte, dass im oberen Geschoß ein Massagestudio ansässig ist, zumal sie ja in das gleiche Gebäude bereits das Nasse Café Drogenberatung und Kontaktzentrum einquartierte. Jedenfalls hat die Stadt diesen Umstand noch rechtzeitig erkannt und die Pläne, die Kita dorthin umzusiedeln, verworfen.
Tina Bucek hat in der Sache recht.
Während es dem Jugendamt sicherlich nicht zuzumuten ist, jedes Massagestudio der Stadt am Straßennamen adhoc zu identifizieren, drängt sich allerdings die Frage auf, wie das Jugendamt - abgesehen von dem Massagestudio – verantworten kann, eine Kindertagesstätte räumlich mit einer Drogenberatungsstelle für schwer Suchtkranke zusammen zu legen. Denn auch wenn man die journalistische Skandalisierung von Tina Bucek /der WAZ kritisieren mag - die Geschichte mit dem Therapieprojekt ist weit von einem Skandal entfernt und ein Massagestudio macht noch kein Rotlichtmilieu - hat sie in der Sache recht.
Eine Kita hat weder in unmittelbarer räumlicher Nähe eines Therapieprojekts für jugendliche Sexualstraftäter etwas zu suchen, noch unter einem Massagestudio, noch im gleichen Haus mit einer Rauschgiftberatung. Zumindest sollte man das als Referatsleiter für Erziehung und Bildung verhindern.
Das Jugendamt hat der WAZ die Bälle zugespielt und muss sich nun anhören, die “Hausaufgaben nicht gemacht” zu haben. Das ist im Nachgang der vorangegangenen Auseinandersetzung noch gütig. Die Vorlage hätte auch grausamer für Wissmann verwandelt werden können. 2:1 für Bucek.


December 11th, 2009 at 08:01
“Kita de Tantra” ist auch nicht besser :p.
December 11th, 2009 at 10:10
Besser als?
December 12th, 2009 at 09:23
“Wenn nun in der WAZ die Überschrift “Kein Kitabetrieb im Rotlichtmilieu” zu lesen ist,[...]“
March 29th, 2010 at 22:36
Der Beschwerdeausschuss des Deutschen Presserats hat in seiner Sitzung am 4. März 2010 einstimmig festgestellt hat, dass der WAZ-Artikel über die Beratungsstelle Gelsenkirchen presseethisch gegen publizistische Grundsätze verstößt. Er spricht der WAZ eine Missbilligung aus.,