Illusionen von Individualität

Individualisierung war und ist nach wie vor das Schlagwort in vielen Gesellschaftsdebatten. Die führenden Köpfe bekannter und erfolgreicher Werbeagenturen fürchten, dass ganze Zielgruppen erodieren und bestimmte Käufe nicht mehr mit einen bestimmten Lifestyle korrelieren. Corsa Fahrer mit Brilliantenwecker am Handgelenk. Der Autoschlosser im Kaschmirpullover. Und die kognitiv eher naturbelassene Frisöse übt sich im Querflöte spielen. Auf den ersten Blick verschwimmen Klasse und Schicht. Auf den ersten Blick kann jeder alles erreichen. Vom Müllmann zum Mercedesfahrer. Vom Arbeiterkind zum Konzernchef. Die Herkunft verortet nicht mehr unbedingt im sozialen Raum. Seit der allgemeinen Verbesserung der Lebensumstände, nach dem zweiten Weltkrieg, beobachtet die Sozialpsychologie und Soziologie einen unfassbaren Schub gesellschaftlicher Diversifikation. Die Pluralisierung der Möglichkeiten ( Beck 1986 ) erhält Einzug in eine neue Moderne. Und auch wenn diese „neuen Möglichkeiten“ für die breite Masse idealtypische Konstruktionen des Wünschenswerten sind, so hat es in der Vergangenheit Fälle gegeben, die diese Beobachtung immer wieder bestätigten. Blickt man allerdings in die Zukunft, so zeichnet sich ein düsteres Bild: Die WAZ öffnete gestern mit der Schlagzeile „Aus Armut unversichert“. Den Kranken droht eine zwei Klassen Medizin. Dem Raucher droht der Ausschluss. Das Bildungssystem bittet unerbittlich jeden zur Kasse. Das Bafög wird abgeschafft. Die Folge wird sein: Inklusion wird zur Exklusivität. Die Armen bleiben arm. Der Ärztesohn wird Arzt. Das Arbeiterkind bleibt arbeitslos. Du bist, was dein Papa zu zahlen im Stande ist. Und dein Stand ist, was dein Stand dir gebietet.
Individualisierung scheint illusorisch. Gute Nacht Humboldt , gute Nacht Deutschland.

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