Gelsenkirchens Kreativquartier fordert mehr Plan bei der Planung.

Die Insane Urban Cowboys luden am gestrigen Montag zum Stadtteilgespräch in die alte Kutschenwerkstadt an der Bochumer Straße.

Die Insane Urban Cowboys luden am gestrigen Montag zum Stadtteilgespräch in die alte Kutschenwerkstadt an der Bochumer Straße.
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Gesprochen und diskutiert werden sollte mit Taner Ünalgan, der als Vorstandsmitglied der SPD Gelsenkirchen ebenfalls sehr an der weiteren positiven Entwicklung des Quartiers interessiert ist.  Erst vor kurzem verlieh die SPD Gelsenkirchen dem im Kreativquartier ansässigen Gelsenkirchener Modelabel URB Clothing den von der Partei ausgeschriebenen Innovationspreis.

Konstruktive Gespräche in uriger Atmosphäre 

Schon fast ungewöhnlich entspannt begann der Termin in der alten Kutschenwerkstatt. Der Inhaber der ansässigen Gebäudereinigung, Ferhat Tuncel, besorgte zusätzliche Bestuhlung, als immer mehr Gesprächsteilnehmer in die Werkstatt kamen. “Schön, dass wir auf soviel Interesse stoßen”, äußerte einer der Teilnehmer, der auf der Bochumer Straße zuhause ist.

Nach einem einführenden Rundgang kamen die Teilnehmer dann jedoch schnell ins Gespräch. Einer der Initiatoren des Gesprächs, Roman Pilgrim, eröffnete die Runde mit der Vorstellung der Thematik. Es sei sehr im Interesse der Initiatoren, den Teilnehmern und vor allem auch der Politik, gewissermaßen die subjektive Seite des Kreativquartiers aufzuzeigen und anzuregen, was besser gemacht werden könne. Lobenswert kam zum Ausdruck, dass die Stadt Gelsenkirchen dem im Entstehungsprozess befindlichen Kreativquartier eine kommunikative Bühne bietet und auch die Gelsenkirchener Politik Interesse an den Entwicklungen zeige. Die Anwesenheit Ünalgans trug zu diesem Eindruck bei, obgleich dieser nicht nur Schmeichelhaftes zur Kenntnis nehmen musste.

Es fehle ein “roter Faden” bei der Etablierung eines Kreativquartiers

Zwar ging die Kritik nicht in die Richtung der SPD, aber sie war explizit Auftrag an selbige, die Missstände zu beseitigen, da die Stadt nach Auffassung der Anwesenden keinen roten Faden bei der Kultivierung eines solchen Quartiers erkennen ließe. Während immer wieder der Begriff “Stadtplanung” im Raum stand, schaffte es die Diskussion sogar über den Tellerrand der Stadt Gelsenkirchen hinaus. Weitgehend Konsens herrschte dabei bei den Diskutanten darüber, dass zwar die meisten Städte und sogar Metropolen Kreativquartiere kultivieren wollen, dabei aber häufig nicht wissen wie, bzw. vergessen, was eben genau diese Viertel strukturell ausmacht. Als Beispiel wurde hier das Dortmunder-U Projekt herangezogen, in dessen Kontext eine Kreativszene angesiedelt werden sollte, die aufgrund der hohen Mieten verständlicherweise aber fernblieb.

“Wir brauchen keine Millionenförderungen, sondern Zeit, Raum und weniger Bürokratie”

Bei der Kritik wurden die Initiatoren des Gesprächs ziemlich konkret. So argumentierten sie aus meiner persönlichen Sicht sehr zutreffend, dass dem Viertel nicht damit geholfen sei, es mit Millionenetats im Sinne einer Gentrifizierung aufzuwerten, sondern dass es vor allem an langfristigen (auch aber nicht nur) monetären Unterstützungen fehle, die eine nachhaltige Entwicklung fördern würden. Auch mehr Räume, um überhaupt unterschiedliche Kreative unterbringen zu können sind notwendig. Das schwerwiegendste Problem seien aber die bürokratischen Hürden, die durch Bau- und Ordnungsbehörden auferlegt würden. Diese würden das Leben im Quartier gewissermaßen ersticken. An eine Ansiedlung einer Jungen Kreativen Klasse sein nicht zu denken, da das Quartier in der Nutzung primär als Wohnquartier deklariert sei. Dort sei dann also ab 22 Uhr Schluss mit jeder Form der Veranstaltung. Und auch das öffentliche Rauchen kann schon mal zu Bußgeldern führen. Kurzum: Infrastrukturerneuerungen samt Kindergärten und Seniorenheimen seien nicht primär notwendig, sondern vielmehr gezielte Unterstützungen.

Taner Ünalgan nahm die geäußerten Kritikpunkte zur Kenntnis, bat aber um Verständnis dafür, dass Politik und Stadt- auch wenn das gern miteinander verbunden wird – zwei voneinander getrennte Sphären sind, die sich jeweils um die Aushandlung gesamtstädtischer Interessen bemühen müssen und nicht nur das Kreativquartier im Blick haben können. Wenn die Bevölkerungsentwicklung letztlich ein Seniorenheim erfordere, müsse die Stadt das ohne Rücksicht auf ein entsprechendes Quartier auch errichten dürfen. Das Plenum stellte dies nicht in Abrede, verwies aber weiterhin auf die durchgehend paradoxe Bürokratie. Ünalgan versprach den Diskutanten die entsprechenden Entscheider in Politik und Verwaltung an einen Tisch zu holen, um die geäußerten Probleme zu beseitigen. Es müsse auf einen Kompromiss hinauslaufen, der niemanden benachteiligt, aber auch niemanden bevorteilt.

Bekannte Schwachstellen einer (teilweise) starren Verwaltung

Was ich beim Stadtteilgespräch am Montag zur Kenntnis nehmen musste, bestätigt mich in meiner oft harschen Kritik an Bau- und Ordnungsbehörde. Es kann nicht sein, dass das zarte Pflänzchen “Kreativquartier” mit der Sensibilität eines T4-Panzers plattgewalzt wird. Die Kritik an der Bürokratie ist berechtigt.  Sie hat ihren Ursprung nicht auf der Bochumer Straße, sie scheint ein gesamtstädtisches Problem zu sein. Die Arbeit ist schlicht unzulänglich. Eine (Ordnungs-)Behörde, die Veranstaltungszeiten auf der Bochumer Straße (!) kontrolliert, agiert an der Lebensrealität des Stadtteils vorbei, denn sie könnte die eigene Arbeitskraft dort sinnvoller einsetzen. Darüber hinaus ist scheinbar auch das Verständnis für Kunst und Kultur unterentwickelt. Dabei hörte man doch erst kürzlich, dass die Bauordnung das mit der Wirtschaft irgendwie auch noch nicht so richtig verstanden hat. Gelsenkirchen kann das besser.

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