Die WAZ gibt derwesten.de auf!

Ulrich Reitz, Chefredakteur der WAZ, verkündete auf den Münchener Medientagen, dass es schon 2012 das Portal derwesten.de nicht mehr in der jetzigen Form geben wird. Der Konzern will ganz offenbar wieder dahin zurück, seine Einzelmarken wie WAZ und NRZ in den Vordergrund zu stellen. Das Portal, das einst wirklich ehrgeizig mit einem riesengroßen Werbeetat gestartet ist, gilt somit als gescheitert. Zwar soll die Dachmarke derwesten.de erhalten bleiben, doch werden die Einzeltitel, etwa die WAZ über “waz.de” anzusteuern sein. Das Portal für den Westen ist damit gestorben.

Unehrlich: Der Tod wird als Relaunch verkauft.

Das Portal hatte ausgehend von seiner Grundkonzeption die allerbesten Chancen die Marktführerschaft im Ruhrgebiet zu erlangen. Zu Beginn startete derwesten.de als offene Portalplattform, die auch dem kleinen Bürgerjournalisten die Möglichkeit gab, seine verschriftliche Meinung in Form von Kommentaren, Trackbacks oder manuellen Links kundzutun. Sukzessive schränkte das ganz offensichtlich Internet unaffine Management diese Möglichkeiten ein. Was bis zum Schluss blieb, sind die z.B. asozialen Kommentare. Die damals angekündigte automatische Newsaggregation wurde ebenfalls nie realisiert. Ein Script sollte Informationen aus themenrelevanten Blogs spidern und unter einer Newsmeldung klickbar präsentieren. Alle Ideen, die zu Beginn an das Portal herangetragen wurden, waren ihrer Zeit voraus. DerWesten.de blieb in der Summe aber dennoch weit unter seinen Möglichkeiten. Wahrscheinlich fiel das Portal jetzt den Controllern zum Opfer.

Unehrlich an diesem plötzlichen Ende ist, wie es den Nutzern verkauft wird. Die Presseerklärung spricht von einer “Weiterentwicklung” von derwesten.de, doch eigentlich ist es ein Rückschritt in die graue Vorzeit. Das was angekündigt ist, das hatte man, bevor das Portal derwesten.de startete. Mit dem Weggang von Katharina Borchert schien bereits das Ende avisiert, jetzt ist es traurige Gewissheit. Wahrscheinlich teure Gewissheit.

Die Ruhrbarone interpretieren den “Relaunch” ähnlich.

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2 Kommentare zu “Die WAZ gibt derwesten.de auf!”

  1. Martin
    21. Oktober 2011 at 22:49 #

    derwesten.de war von Anfang an ein Super-GAU.

    Der Start der Seite – und ich wähle hier ganz bewusst NICHT den Begriff der “Plattform” – erfolgte auch in enger zeitlicher Abstimmung oder Abfolge von verschiedenen Lokalredaktionen. “Zeitung für das Ruhrgebiet” war früher einmal der Slogan – heute erkennt man ihn allenfalls noch an alten Bushaltestellen.

    Die WAZ hat dem Ruhrgebiet und seiner Gesellschaft sukzessive den Rücken gekehrt und sich Schritt für Schritt an ökonomische Trendlinien gekuschelt. Das ganze ging und geht einher mit einem unglaublichen Verfall journalistischer oder auch publizistischer Qualität – was wohl das Schlimmste an der ganzen Sache sein dürfte.

    Ich bin ein Kind der 80er, groß geworden mit einer starken WAZ mit eigenem Lokalteil. Was mittlerweile seit etwa einer Dekade in der WAZ lese und von den Methoden der WAZ und ihrer Mitarbeiter mitbekommen habe, lässt mich grausen. Dementsprechend war ich auch schon beim Launch von “derwesten.de” sehr skeptisch – und diese Haltung war offensichtlich begründet.

    Was von Anfang an bei “derwesten.de” abging, war m.E. eine Mischung aus üblem Tendenzjournalismus, Lokal-Lobbyismus, willkürlicher Zensur und Stammtisch-Kommentaren. Grade für letztere ist “derwesten.de” mittlerweile ja auch generell bekannt.

    Insgesamt ist der shutdown eher ein Gewinn als ein Verlust.

  2. Jörg
    22. Oktober 2011 at 19:20 #

    Aber in Bezug auf die Führung der Marke derWesten.de ist es genauso ein Desaster wie die ursprüngliche Abkehr von den Einzelmarken. Traurig wie man bei der WAZ mit seinem Kapital umgeht. Schade. Aber bei dem Chefredakteur auch kein Wunder.

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