Die Blitzbirnen im Innenministerium

In Deutschland ist es gerade kalt. Sehr kalt. Das Einzige was die Infrastruktur bei dieser Kälte vor dem Zusammenbrechen bewahrt, ist die trockene Luft. Und so sehr froh der Pendler ist, dass er in der allmorgendlichen Rush-Hour nicht viel zu spät kommt, so fröhlich hat sich Innenminister Ralf Jäger eine neue Verkehrssicherheitsstrategie ausgedacht, um den Weg zur Arbeit, Sport und zur Party sicherer zu gestalten. Damit diese Grundsatzidee auch jeder versteht, folgt sie dem profanen Prinzip: „Viel hilft viel“.

Politisch korrektes Massenabzocken ?

Nun umschreibt der Begriff „Strategie“ ja im Kern eine oftmals längerfristig angelegte Teleologie, die nicht unbedingt kompliziert, wohl aber komplexer angelegt sein muss, um erfolgreich zu sein. Ralf Jäger (SPD) – im Übrigen studierter Erziehungswissenschaftler – hingegen ist in der Lage, sein Ziel und den Weg dorthin in bestimmt weniger als 30 Sekunden zu erläutern. Erkenntnis: Die Unfallzahlen in NRW sind gestiegen. Ziel: Veringerung der Unfallzahlen. Lösung: Maximalstmöglich viel Blitzen.

Das ist einfach. Boris Becker würde sagen: „Bin ich schon belichtet, oder was?“ Alles ganz easy. Weil Jäger aber Politiker ist und dazu sicherlich auch noch ganz korrekt, garniert er dieses Vorhaben mit politischer Korrektheit. Die Polizei blitzt jetzt nicht mehr einfach nur aus dem Hinterhalt, sondern sie blitzt  jetzt aus dem Hinterhalt mit Ankündigung. Wo und wann die Polizei blitzt, kann man aktuell im Internet nachlesen. Von Abzocke kann man nicht sprechen, weil das Blitzen ist ja angekündigt.

Eine am schwarzen Brett angekündigte unangekündigte Klassenarbeit sozusagen. Mit fragwürdigem pädagogischen Nutzen. Gleichbleibenden Lernerfolg kann man wohl nur dann valide messen, wenn der Zeitpunkt der Messung zuvor nicht ankündigt wurde. Schließlich hat man es mit lernenden Individuen zu tun, die sich situationskonform Verhalten und zukünftig erwünschtes Verhalten dann zeigen, wenn sie darüber informiert würden, dass die Messung stattfindet. In der Sache ist also ein genau diametrales Ergebnis zu erwarten. Eigentlich. Natürlich weiß man im Ministerium aber auch, dass kein Bürger täglich im Internet nachschaut, um zu überprüfen, ob Blitzer auf der aktuellen Strecke zu erwarten sind. Und so lässt sich auch die Hintertür des politisch Korrekten nicht aufrechterhalten, der Beigeschmack der Abzocke bleibt erhalten.

Morgen ist Blitzerfreitag. Auch in Gelsenkirchen. 

Die Kommunikation dieser Maßnahme ist ebenfalls wenig zielorientiert. Geradezu wie ein „gesellschaftliches Event“ wird der morgige „Blitzerfreitag“ angekündigt. Jäger liefert politisch mit dieser Aktion eine große Angriffsfläche in Richtung SPD und Landesregierung. Zum Glück (oder leider?) ist die Opposition zu doof eine griffige Argumentation aufzubauen. So sorgt sich die NRW-CDU ernstaft um das Wohl der Polizisten, die bei dieser kälte Blitzen müssen. In der Sache ist der Vorgang lustig, wenn er nicht gleichzeitig so traurig dabei wäre.

Wo wird am Freitag in Gelsenkirchen geblitzt?

Natürlich macht auch die Gelsenkirchener Polizei keine Ausnahme. Befehl ist schließlich Befehl.  Hier müssen Sie morgen und Samstag also besonders vorsichtig fahren:

– Feldhauser Straße, Scholven
– Grillostraße, Schalke
– Kärntener Ring, Horst
– Willy-Brandt-Allee, Erle
– Sellmannsbachstraße, Bismarck
– Hans-Böckler-Allee, Feldmark
– Polsumer Straße, Hassel
– Wildenbruchstraße, Bulmke-Hüllen
– Adenauerallee, Erle
– Zeppelinallee, Altstadt
– Hochkampstraße, Bismarck
– Magdeburger Straße, Schalke

Quelle dieser Information ist eine neue Datenbank mit dem lautprechenden Titel: http://www.24h-blitz-marathon.de

Eine solche Aktion bringt nicht nur die Polizei als Amtsautoritäten in Diskredit, sondern skizziert auch sehr plakativ, wie die Politik sich selbst unglaubwürdig macht. Vorgeschobene Volkserziehung gänzlich ohne Mittel der Didaktik entlarvt sich selbst als brilliantes Businessmodel a la Kim DotCOM. Seine Prämisse ist nämlich einfach: „Ein Geschäftsmodell, das man nicht in 30 Sekunden erklären kann, ist ein beschissenes Geschäftsmodel“ Und wie gesagt, 30 Sekunden reichen für Ralf Jäger vermutlich völlig, um klar zu machen,worum es geht. Viel Spass also beim Abkassieren.


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4 Kommentare zu “Das St. Josef-Hospital in Horst soll 2017 geschlossen werden.”

  1. Franz Przechowski
    19. Dezember 2016 at 11:22 #

    Zutreffende Analyse. Alle Probleme hinsichtlich Weihnachtsmärkte in Gelsen und in Buer sind hausgemacht und durch nichts mehr zu entschuldigen. deine kennzeichnung „strukturelle Geschäftsunfähigkeit“ trifft den Kern. Aber darüber hinaus fehlt auch der Sinn für die konzeptionelle Gestaltung und emotionale sowie inhaltliche Aufladung von Events, die auf die Marke GE einzahlen sollen. Das ist nicht unbedingt eine Frage des Budgets, sondern der professionellen Fähigkeiten. Ich bin kürzlich erst wieder wegen meiner Bemerkung „SMG ist eine Laienspielschar“ gescholten worden. Angesichts der miesen Performance möchte ich bei meiner Beurteilung bleiben und die zuständigen Stellen der Stadtverwaltung gleich mit einbeziehen.

  2. Sabine
    19. Dezember 2016 at 20:14 #

    Dann geht doch endlich hin statt nur zu mosern

  3. Albert Ude
    21. Dezember 2016 at 17:12 #

    Die Analyse geht in Ordnung. Die Hinterfragung klammert die Mittäterschaft des örtlichen Einzelhandels leider völlig aus. Die Anlieger der Bahnhofstrasse haben kein Interesse an einem Weihnachtsmarkt, der als zentrale Veranstaltung auftritt. Die Mitwirkenden der SMG, des Umbaubüros und die für die blau-weiße Kugelplastik Verantwortlichen sind gutmeinende, aber hoffnungslos überforderte Amateure und Dilettanten, deren schlimmster Alptraum es ist, von professionellen Akteuren, ja auch bereits von schlichten Menschen, die sich einfach mal in anderen Städten umgeschaut haben, erzählt zu bekommen, wie ein Weihnachtsmarkt aussieht, ja, was überhaupt ein Weihnachtsmarkt ist. Die in Gelsenkirchen stattfindende Veranstaltung darf man auf einer Skala von 1 – 10 bei minus fünf verorten, eine gefühlte Tendenz zur Qualitätssteigerung ist illusionistische Schönrederei. Wollte man eine Verbesserung um fünf Punkte erzielen, so bedeutete das, den Nullpunkt anzustreben, die Veranstaltung also schlicht zu unterlassen. Stattdessen empfiehlt sich ein Busshuttle nach Dortmund, Essen oder Münster, oder in die kleinen niederländischen Orte oder an den Niederrhein.
    Das ist alles sehr schade, leider aber so zutreffend. In meiner Erinnerung ist die Reibeplätzchenhütte am Anfang der Bahnhofstrasse rechts der aus dem Betrachtungsraster heraustanzende kulinarische Höhepunkt der Meile. Die Reststrecke schaffe ich nicht: Kabel, Mülltonnen, Ramschstände, Trink- und Nahrungsmittelhütten. Und – mit Verlaub – Menschenmassen. Nur eins hat sich verbessert: Zu Zeiten von Lalakakis wurde noch WDR 4 über die Lautsprecher eingespielt. Das ging gar nicht.

  4. szodruch, maggie
    22. Dezember 2016 at 16:35 #

    Leider muss ich Albert Ude in allen Aussagen Recht geben !

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