Der ÖPNV als reflexionsfreie Zone

Im ÖPNV kann man viele Sachen erleben. Man kann aufgebrezelte und bis ins letzte Haar gestylte blonde Endzwanzigerinnen sehen, die in Sachen Aussehen und sozialer Außenrepräsentation nichts dem Zufall überlassen und sich dann am Bahnsteig volles Pfund auf’s Maul legen, weil sie über den Trolley eines anderen Reisenden stolpern, da sie gleichzeitig zum Fahrplan laufen, auf die Anzeige in der Höhe schauen und – wie die vorausgegangenen 15 Minuten – in ihr Handy sprechen. Man kann kleine Sozialstudien anstellen, subjektive Theorien aufbauen und hinterfragen oder einfach Augen und Ohren schließen und sich vom Einstiegs- zum Ausstiegsort transportieren lassen. Als Erziehungswissenschaftler fallen einem aber fast automatisch die oftmals fragwürdigen Ansätze in der Erziehungsrealität auf.

Episode 1
Eine Mutter sitzt mit ihrem Sohn im Bus. Der Kurze hockt auf dem Sitz am Gang und gibt einem etwa gleichalten Kind, das grade mit seinem Vater zugestiegen ist, im Vorbeigehen einen leichten Schlag. Mutter: „Ey, hau‘ dat Kind nich!“ und klatscht dem Sohn eine.

Eine Sternstunde der Kinderverziehung. Die stille Frage, ob solche Leute ihr kontradiktorisches Verhalten überhaupt irgendwann bemerken, bleibt unbeantwortet. Klar ist indes, dass es sich hierbei nicht um einen Einzelfall handelt.
Beim Aus- und Einsteigen in Bus und Bahn gibt es gerne mal ein gewisses Gedrängel und mitunter auch spontane Spurtansätze, besonders an Umsteige- und Knotenpunkten. Dabei kommt es zwangsläufig zu diversen Körperkontakten, neben den olfaktorischen Belästigungen ein großes Übel im ÖPNV – aber eben nicht vermeidbar.

Episode 2
Unter den Einsteigenden ist auch ein Mann mit seiner Familie, darunter auch ein etwa Vierjähriger, wohl sein Sohn. Besagter Mann steigert sich in der Bahn in ein minutenlanges (!) Schimpfinferno: „Ey, die Schlampe hat misch voll angerannt, die dumme Fotze. Isch hätt‘ der voll auf’s Maul hau’n soll’n, der blöden Bitch. … Alter scheisse, isch hau‘ die platt, die Alte. … Dumme Fotze! … Die verdammte Hure ey, ich hätt‘ die echt umhaun müssen, ey! … Scheiss Nutte! …“ etc. pp. Als er sich dann doch irgendwann endlich beruhigt hat, benutzt kurz darauf der Kurze kontextfrei eines der Schimpfworte, die sein Vater kurz zuvor durch die Bahn schallen ließ. Die Reaktion des Vaters: „Ne, das darfst du nich sagen!

Man sollte annehmen, dass es kein Studium der sozialkognitiven Lerntheorie braucht, um zu erkennen, dass das eigene Verhalten dem juvenilen Spross als Modell dient. Dennoch sind solche Eltern eindeutig Vorbilder – sie leben und sichern den schichtspezifischen Habitus. Und das überall, sogar in Heilbronn.

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  1. Der Ruhrpilot | Ruhrbarone - 28. Oktober 2010

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