Der Neid und sein edlerer Bruder.

Friedrich Nietzsche schrieb im Jahre 1879 ein Buch für freie Geister. Hier ein Auszug:

Der Neid und sein edlerer Bruder. — Wo die Gleichheit wirklich durchgedrungen und dauernd begründet ist, entsteht jener, im ganzen als unmoralisch geltende Hang, der im Naturzustande kaum begreiflich wäre: der Neid.

Hundertprozentig gleich sind wir nur vor Gott, denn die anthropologische Konstante des Menschen  ist das Streben nach oben. Und überall dort, wo es die Natur zulässt, versucht sich der Mensch zu differenzieren. Für unsere moderne Gesellschaft bietet die kapitalistische Wirtschaftordnung manigfaltige Möglichkeiten sich von Anderen zu unterscheiden. Naturzustand bleibt hier eine Illusion. Soziale Ungleichheit gilt in modernen Gesellschaften darüber hinaus als komplex. Gerade in dieser wirtschaftlich schwachen Zeit sind dabei – parallel zur Angst vor dem persönlichen Abstieg – Neiddebatten doch mehr als unangebracht.

Die WAZ macht heute im Lokalteil mit den Gehältern der Gelsenkirchener Prominenz auf. Und sie stellt auch die an den Pranger, die sich gegen die Offenlegung des Gehaltes ausgesprochen haben. Zwar ist die großtmögliche Transparenz ein demokratisches Funtionserfordernis, aber ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich notwendig ist, der aktuell diesbezüglich aufgebrachten Medienöffentlichkeit, die Gehälter Gelsenkirchner Chefs unter die Nase zu reiben. Ich würde mich da der Vermutung von Dr. H.-P. Schmitz Borchert (Geschäftsführer Wissenschaftspark) anschließen, der davon ausgeht, dass soetwas zu "unguten Diskussionen in den Medien" führt. Wie ungut die ist, sieht man bereits jetzt in den Kommentaren von derWesten.de. Ich verstehe auch nicht, warum es notwendig sein sollte, im Detail zu erfahren, was Wolfgang Lalakakis im Monat als Gehalt erhält. Um es in dem nächsten Brutto-Netto-Rechner zu prüfen und neidisch zu werden? Es interessiert nicht und es geht uns darüberhinaus auch nichts an. Mich interessiert der Output seiner Organisation, darüber lässt sich sachlich diskutieren. Sobald das Gehalt eines Geschäftsführers im Raum steht, kann ich mir vorstellen, dass die Debatten unsachlich werden. Den Redakteuren der WAZ wird das bestimmt spätestens dann bewusst, wenn Sie den ersten neiderfüllten Leserbrief mit folgendem Text erhalten:

Ihr Artikel zum Thema „Erdbeeren bleiben so länger frisch“ ist Unsinn. Sie verdienen doch 4332 Euro im Monat, dafür verlange ich, dass Sie korrekt recherchieren. Ihre Anneliese.

3 Kommentare zu “Der Neid und sein edlerer Bruder.”

  1. Nicetrise
    12. Mai 2009 at 12:59 #

    Leitsatz: Über Geld spricht man nicht. Jeder Aufsichtsrat der Welt rechnet Vorstandsgehälter mit der erbrachten Leistung gegen , und entscheidet, ob die aktuelle Dimension dem Ertrag des geleisteten entspricht. Tut es das, ist das Gehalt gerechtfertigt.

  2. Andre
    12. Mai 2009 at 15:54 #

    Naja wieso sollten es nicht offen gelegt werden? Wo vor haben die Bosse in Gelsenkirchen Angst, wenn sie endsprechende Leistung liefern, brauchen sie sich doch keine Sorgen machen. Es ist einfach nur Gleichberechtigung man kann schließlich auch sehen, was ein Normalbürger verdient, da geht man einfach auf die Seite der Arbeitsagentur und such nach dem endsprechenden Beruf und sieht aha der ist z.b Gärtner und der verdient ungefär 1200 Euro im Monat. Wieso sollte dies anders sein bei Menschen, die halt auf einem höheren Stuhl sitzen. Wenn die Menschen damit nicht zufrieden sind, dann sollen sie Die Linke Wählen, aber sie müssen bedenken, dann wird das nichts mehr mit dem Millionär werden 😀

  3. Beobachter
    14. Mai 2009 at 12:00 #

    In aller Welt werden die Gehälter von Managern oder Angestellten veröffentlicht und somit total offengelegt, für jeden nachvollziehbar.
    Nur in Deutschland tut man sich damit schwer. Warum das so ist, darüber kann man spekulieren. Von den Abzockern werden diese Vorbehalte, die auch bei Geringverdienern bestehen, aber mit Sicherheit gern gesehen.

    @Andre: Warum sollte man unter den Linken nicht Millionär werden können? Die wollen doch das Privateigentum an Produktsmitteln gar nicht abschaffen. Es geht nur um eine gerechtere(!) Verteilung des Reichtums. Es soll aber nicht jeder das gleiche erhalten.
    Leistung soll und muß sich wieder lohnen. Die CDU/CSU hat das zwar immer versprochen, aber nie durchgesetzt. Es wurden nur die Reichen immer reicher, auf Kosten der Gering- und Mittelverdiener.

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