Das Ruhrgebiet braucht eine administrative Klammer

So argumentiert Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski zur Zukunft des Ruhrgebiets. In seiner aktuellen OB-Kolumne geht er dabei sowohl auf die Inhalte als auch die Steuerung einer „Ruhrmetropole“ ein. Sehr treffend erfasst er dabei Prozesse der „Glokalisierung“, wobei bezogen auf Baranowski hier eher von einer „interkommunalen Glokalisierung“ die Rede zu sein scheint:

Die Städte in der Metropole Ruhr sind heute mehr denn je entschlossen, sich als Einheit zu verstehen und damit den Schritt nachzuvollziehen, den ihre Bürger schon längst getan haben. Die sind selbstverständlich Bürger des Ruhrgebiets, weil sie in Essen einkaufen, in Bochum studieren, in Gelsenkirchen ins Musiktheater gehen und in Herne wohnen. Man muss schlicht die Realitäten zur Kenntnis nehmen (vgl. OB Kolumne).

Darüber hinaus verweist Baranowski auch auf die geografische Nähe und die sich daraus ergebene wirtschaftspolitische Verpflichtung der Städte füreinander:

Die Städte im Ruhrgebiet sind viel zu eng beieinander, als dass irgendjemand einen Ego-Trip unternehmen könnte, ohne anderen Schaden zuzufügen. Wenn wir versuchen, in einen ruinösen Standortwettbewerb um Gewerbeansiedlungen und Leuchtturmprojekte einzusteigen, würden wir unsere Städte kaputtmachen – übrigens auch die Städte, die kurzfristig als Sieger aus einem solchen hervorgingen, weil sie es oft um jeden Preis tun (ebd).

Realistisch betrachtet ist diese Auffassung zutreffend, allerdings weitestgehend unhaltbar. Essen, die sich z.B. als Einkaufstadt profilieren möchte und ein Shoppingcenter der Luxusklasse am Limbecker Platz errichtet, tut das nicht aus der Freunde an der sozialistischen Verteilung von Kaufkraft. Oberhausen und Duisburg ebenfalls nicht. Durch die Emergenz einer Ruhrstadt ist keineswegs der Standtortwettbewerb entschärft, weder der um die Gunst des Einzelhandels noch der um die Ansiedelung von Industrie. Wer ein Angebot schafft, der schafft auch Frequenz. Gelsenkirchen sind diese Städte diesbezüglich um Jahrzehnte voraus.  Und kaputt gehen nur die Städte, die mit übersteigertem Selbstwert diesen Prozessen mit Kraft und Zauber gegenüberstehen und gegen Städte, die ein Angebot schaffen, sogar klagen. Diese Städte müssen auch und besonders im Kontext einer Metropole Ruhr aufpassen, dass sie nicht aus der Riege der Metropole Ruhr herausfallen. Jedes Netzwerk produziert ein Innen und ein Außen. Gelsenkirchen befindet sich bereits jetzt an der Peripherie, auch wenn es sich geografisch gern als „Herz des Reviers“ verkauft.

Baranowskis Ansatz „glokal“ im Sinne einer starken Region zu denken, ist sicherlich sehr richtig. Bevor wir uns allerdings Gedanken über die „administrative Klammer“ dieser Perspektive verständigen, sollte Gelsenkirchen zunächst über seine Rolle in diesem Kontext reflektieren. Und auch wenn der Vergleich mehr als hinkt: Während in Essen der Limbecker Platz entsteht, das Centro seine Kapazitäten erweitert und Duisburg eine Mall eröffnet, diskutieren wir in Gelsenkirchen im dritten Jahr über die Unmöglichkeit eines gelungenen Weihnachtsmarktes. Was wollen wir entgegensetzen ?

Update: Lesenswerter Beitrag bei den Ruhrbaronen

10 Kommentare zu “Das Ruhrgebiet braucht eine administrative Klammer”

  1. Stefan
    31. Oktober 2008 at 16:57 #

    …und sie bewegt sich doch!

  2. Dennis
    31. Oktober 2008 at 17:04 #

    LOL

  3. Frank Baranowski
    31. Oktober 2008 at 17:45 #

    …müssen wir denn immer etwas entgegensetzen oder läßt sich auch über Aufgabenteilung nachdenken? Jedenfalls freue ich mich, dass Sie meine Kolumne lesen.

    ———————-
    [ Frank Baranowski hat diesen Kommentar per Mail bestätigt. ]
    ———————-

  4. The Doctor
    31. Oktober 2008 at 21:34 #

    Nicht zu vergessen – hier auch nur am Rande angemerkt – Bottrop, dass gerade ein neues Einkaufscentrum aus dem Boden stampft!
    Angepeilter Eröffnungstermin: Mitte bis Ende 2009!
    Hat zwar nicht den Anspruch in irgendeiner Weise den Großen – Centro resp. Limbeckerplatz etc. – Konkurrenz machen zu wollen, ist m.E. aber auch ein Ausdruck sozio-ökonomischer Glokalisierungserscheinungen im Ruhrgebiet, besonders, wenn man zusätzlich das Alpincenter Bottrop und den stark frequentierten Movie-Park noch zusätzlich mit in betracht zieht!

    Gruß
    Doc

  5. Dennis
    1. November 2008 at 13:33 #

    Lieber Herr Baranowski,

    obwohl ich gründlich über eine Aufgabenteilung nachgedacht habe, will sich mir nicht erschließen, wie diese aussehen sollte. Vielleicht ist ein Gedankengang dieser Güte auch zu umfassend für das Kommentarfeld. Ich komme ggf. in einem gesonderten Post darauf zurück.

    Ansonsten bedanke ich mich recht herzlich für Ihren Kommentar. Das ehrt und freut mich sehr. Vielen dank.

  6. Nicetrise
    3. November 2008 at 01:01 #

    Man sollte diese Einkaufsschlachtschiffe in OB, E und DUI nicht überbewerten. Natürlich ist die Momentaufnahme sicherlich überwältigend positiv. Aber birgt auch eine große Gefahr.

    Zum einen investieren Städte und Kommunen oft hohe Beträge um ihren Standort in Konkurrenz setzen zu können, vergessen aber, dass der Konsum, gerechnet an der höhe der möglichen Ausgaben der Bevölkerung/des Konsumenten, absolut begrenzt ist und nicht zusammen mit dem Angebot wächst (eher sinkt). Die nähe dieser Standorte trägt sicherlich zu einem großen Teil dazu bei, dass sie sich den Gewinn teilen müssen. (Überangebot in der Region)

    Zum anderen, zerstören diese Malls die Einkaufsstraßen der Umgebung, was im Einzelhandel großen Schaden anrichten sowie den Standorten vor riesigen Problemen stellen wird.

    Dieser „kalte Krieg“ der Innenstadtplaung (Um die Wette aufrüsten), wie ich es jetzt mal übertrieben darstellen möchte, wird den einen oder anderen logischen Verlierer hervorbringen. GE ist gut beraten, da nicht mit zu machen, sich statt dessen auf seine Stärken zu besinnen und einen eigenen Weg zu finden, sich im Pott zu positionieren.

    Der Zentren-Zug ist abgefahren. (PS: Brauchen besseres Marketing)

  7. Martin Körber
    3. November 2008 at 11:54 #

    Ich finde die Deabatte sehr bemerkenswert. Offensichtlich ist alle Kritik an monströsen, innenstadtfeindlichen Einkaufscentern verflogen, wenn man zumindest neidisch in die Nachbarschaft schaut und fragt: Warum haben wir das nicht. Aus zweierlei Hinblick bemerkenswert sogar. Die Kritik an der Privatisierung des öffentlichen Raumes durch das Etablieren immer neuer Einkaufstempel und die Verlagerung allgemeiner sozialer Bedürfnisse in diese Konsumtempel ist eine aus städtebaulicher Sicht ebenso richtige wie in demokratischer Sicht wichtige. Wir dürfen nämlich nicht zulassen, dass wir vollklimatisierte Erlebnis- und Einkaufswelten für die schaffen, die sich das leisten können und der Rest kann in verwahrlosten Restimmobilien seine Existenz fristen. Die Frage lautet also auch: Wollen wir das? Wollen wir in jeder Ruhrgebietstadt ein Shoppingcenter à la Centro oder Limbecker Platz? Wollen wir in Gelsenkirchen ein großes Einkaufszentrum?

    Und in zweiter Hinsicht wirft der Ruf nach dem eigenen Shoppingcenter ein Licht auf den Rufer und sein Verständnis von Nachbarschaft und Verflechtung innerhalb der Metropole Ruhr. Von Horst aus kann ich mit der U17 direkt zum Limbecker Platz durch fahren. Hab ich schon gemacht (Neugierde ist dann halt doch zu groß). Essen gehört selbstverständlich zum Aktionsradius eines Hortsers. Vielleicht mehr als Datteln oder Recklinghausen.

    Und vielleicht hat Baranowski ja recht mit der Arbeitsteilung im Ruhrgebiet. Nicht jeder kann Shopiing-Mall-City sein. In gelsenkirchen haben wir die Bahnhofstraße. Und Leute, die was davon verstehen (müssen) sagen mir, die habe die ideale Länge und Breite einer Einkaufsstraße. deshalb würden dort auch bemerkenswerte Umsätze erzielt, was den meisten Beobachtern, auch interessierten, leider entgeht. Und ich hab noch letze Woche gezählt: es gibt nur zwei „1-Euro-Shops“.

    Bei guten Wetter also Bahnhofstr. Und bei schlechtem: Die Züge fahren vom Bahnhof in viele Teile der Metropole Ruhr.

  8. Nicetrise
    5. November 2008 at 23:37 #

    Ich glaube man könnte die Kaufkraft in GE so stark Zentralisieren wie man will, es würde sich in einem Ausmaße wie E und OB einfach nicht rechnen. Außerdem ist alles, wie mein Vorredner schon sagte, in einer annehmbaren Nähe.

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