Cem Özdemir: Furchtbar deutsch statt multikulti.

Der Ex-Chef der Rosi, findet Gelsenkirchen wenig multikulturell. Deshalb “wandert er aus” nach Wilhelmshaven. In einem mehr als eigentümlichen Interview entlarvt er sich als Motor dessen, was er im Kern kritisiert: Gelebte Exklusion.

Der Ex-Chef der Rosi, findet Gelsenkirchen wenig multikulturell. Deshalb "wandert er aus" nach Wilhelmshaven. In einem mehr als eigentümlichen Interview entlarvt er sich als Motor dessen, was er im Kern kritisiert: Gelebte Exklusion.

Foto: Screenshot Youtube.

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Die einen bescheißen mutmaßlich im politischen Amt mit gesammelten Flugmeilen, die anderen ziehen vor dem Wegzug aus der Heimatstadt noch mal richtig über das eigene Habitat her. Dem Politiker und dem Ex-„Szene“-Wirt gemein ist – neben dem Namen – eigentlich nur, dass es türkischstämmige Deutsche sind, die beide größten Wert darauf legen, auch als Deutsche behandelt zu werden. Nicht ganz ernst gemeint könnte man sie „Umlaut-Germanen“ nennen. Ein Soziologie Professor an meiner früheren Fakultät wagte diesen Ausdruck einmal satirisch zur Umschreibung von Deutschtürken. Dieses allerdings unter heftigem Protest auf der einen und großem Gelächter auf der anderen Seite der Studentenschaft. Sagen kann man sowas in Bochum eigentlich nicht, zu schnell ist man ein Nazi. Auch, wenn man eigentlich Deutsche damit meint. Sie merken, liebe Leser, es wird kompliziert. Selbst für Soziologieprofessoren.

Dem deutschen Cem und Szene-Wirt ist aber die Gesellschaftsdiagnose nicht zu komplex: In einem aktuellen Interview des kostenlosen Stadtmagazins „isso“ und den Ruhrbaronen lernen wir, dass der deutsche Szenegastronom Cem Özdemir Gelsenkirchen in den letzten Jahren zunehmend „kritischer“ findet. Wer jetzt glaubt, der Ex-Gastronom beschwere sich über ausbleibende Kundschaft oder schlechte Unterstützung seitens der Stadt im Gastrogewerbe, der irrt. Cem Özdemir wagt eine soziologische Gesellschaftsdiagnose. Dem Ex-Chef der „rosi“ an der Weberstraße mangelt es an einer multikulturellen Gesellschaft in Gelsenkirchen. Cem Özdemir findet in Gelsenkirchen leben viele Monokulturen in einer Koexistenz zusammen. Diagnose: Gelsenkirchen ist keine Multikultur. Was genau Özdemir damit meint bleibt unklar, zu erfahren ist nur, dass es ihn offenbar stört, dass er Zeit seines Lebens als türkischstämmiger Deutscher in Deutschland auf seine Herkunft reduziert wird. Es ist für ihn Ausgrenzung, wenn er in Gesprächen mit ihm fremden Personen dafür gelobt wird, dass er gutes Deutsch spreche, schließlich sei er bereits seit 42 Jahren in Gelsenkirchen, das er jetzt aber nicht mehr gut findet, unter anderem weil

„[…]Gelsenkirchen uns [seiner Familie] nicht mehr die Lebensqualität bietet, die wir erwarten. Wir laufen durch die Innenstadt und sehen ganz viele Kulturen, die für sich keinen positiven Anspruch mehr haben.“

Bittöö? Bei der Aussage sehe ich vor meinem geistigen Auge den geneigten AfD-Wähler fragend fluchen, was der Türke sich da doch wohl unzulässiger Weise raus nimmt. Rassismus ist schließlich immer noch Bestimmung und Vorbehalt der Biodeutschen.
Der deutsche Cem führt aber weiterhin für ihn gute Gründe an, der Stadt den Rücken zu kehren:

„Wir wollen keine Ghettoisierung, wir wollen keine Blase, und wir wollen schon Teil der Gesellschaft sein. Und wenn wir uns anschauen, was für ein Teil der Gesellschaft wir wären, dann ist das kein schönes Bild.“

Cem kann bei solchen Kalauern echt voll glücklich darüber sein, Özdemir zur heißen, so fällt es seinen Kritikern vielleicht etwas schwerer, ihm die Nazikeule über den Schädel zu ziehen. Mehr gelebte Exklusion, wie in diesem Zitat geäußert, geht ja kaum mehr.

Auch das im Interview benutzte Vokabular verwirrt. Vom „Auswandern“ ist die Rede. Nicht etwa ins ferne Australien. Özdemir zieht nach Norddeutschland. Nach Wilhelmshaven. Da wird Cem nämlich nicht ausgegrenzt, sondern es geht da um seine „[…]Fähigkeiten oder um die Dinge, die gerade verhandelt werden.“ Genau. Zumindest solange, bis der deutsche Cem sich wieder selbst ausgrenzt, wie beim letzten Interview in Gelsenkirchen.

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8 Kommentare zu “Cem Özdemir: Furchtbar deutsch statt multikulti.”

  1. Konrad
    4. Mai 2017 at 18:56 #

    Ich habe mich über das Interview ebenfalls mehr als gewundert. Habe von der rosi bisher nur Positives gehört und dem Laden doch auch sehr wohl denkendes Publikum zugetraut. Der Rundumschlag Özdemirs ist in der Sache so auch gar nicht nachzuvollziehen. Der Vorwurf der Monokultur ist Schwachsinn. Dass er wie in den Zitaten deutlich gemacht nicht mehr dazugehören will ist ja ok, aber das Nachtreten war unnötig.

  2. Cem Özdemir
    4. Mai 2017 at 20:57 #

    Ich sehe es als gutes Zeichen, dass das Interview in der Maiausgabe der “isso” polarisiert, zum nachdenken und auch zum Diskurs anregt.
    Und auch wenn man es mir nicht so ganz glauben mag: ich bin Gelsenkirchener. Wenn ich gefragt werde, wo denn meine Heimat sei, dann antworte ich (selbstverständlich) mit “Gelsenkirchen”.
    Und bis auf zwei Ausnahmen habe ich bisher Unverständnis für diese Antwort geerntet (Vor allem, aber nicht nur, bei den türkischen Mitbürgern).
    Aber folgendes möchte ich dann doch noch loswerden:
    Wenn ich die Kulturen aus nationalen Gesichtspunkten be- / werten würde, gäbe ich dem Verfasser ja recht. Aber ich habe diese Aussagen ausschließlich aus sozialen Gesichtspunkten getätigt.
    “Wo du herkommst ist mir egal. Was du in der Birne hast, interessiert mich.”
    Das war, sinngemäß, die Aussage von einem meiner Lehrer Anfang der Neunziger während meiner Schulzeit, wo ich meinte ihn mit einer “das machen Sie doch nur weil ich Türke bin!” Aussage aus der Reserve zu locken um doch keinen Rüffel für nichtgemachte Hausaufgaben zu bekommen.
    Es sind nicht die Nationen die mich verunsichern, meiner Familie und mir Angst machen abends vor die Türe zu gehen, es ist das soziale Umfeld was uns zu schaffen macht. Natürlich gibt es viele Menschen und Familien, die wir gern haben und wirklich sehr gerne Zeit mit denen verbringen. Aber diese lieben Menschen sind leider kein Spiegelbild der Gesellschaft….leider nicht. Und wir sind uns einig, wenn wir sagen, dass wirklich jedes Bildungsniveau eine Daseinsberechtigung innerhalb einer Gesellschaft hat. Ohne diesen Facettenreichtum wären wir gar nicht überlebensfähig, befürchte ich.
    Der Großteil der Gelsenkis hat mit Kultur, Bildung und sozialem Miteinander nicht viel gemein. Ja, auch “white trash” ist ein unangenehmes Thema geworden. Die Augen davor verschließen und “GelsenPower!” schreien ist der Sache nicht dienlich.
    Auch bin ich mir bewusst, dass der von mir beschriebene Teil der Gesellschaft weder die “isso”, noch diesen aktuellen Blog liest….und nu?
    Und möchte mich hiermit in aller Form bei all den lieben Menschen entschuldigen, die meinen Weg kreutzten und sich ungerechtfertigterweise und nicht beabsichtigterweise von dem Artikel angegriffen fühlen.

  3. Chajm
    5. Mai 2017 at 09:06 #

    Es gibt offenbar zwei Gelsenkirchens – ein Gelsenkirchen das vollkommen in Ordnung ist und das super funktioniert. Alle Menschen sind Freunde, alle negativen Phänomene sind Randerscheinungen und trüben das Bild nur ein wenig. Das ist das (Selbst-) Bild derjenigen, die in Gelsenkirchen die Sachen regeln. Deshalb braucht es auch keine Verbesserung oder Veränderung. Das erinnert mich irgendwie auch an die Landesregierung im aktuellen Wahlkampf: Alles perfekt. So soll es bleiben.

    Das andere Gelsenkirchen ist das Gelsenkirchen mit massiven Problemen. Hohe Arbeitslosigkeit, eine zunehmende Desozialisierung des Miteinanders, Nebeneinanderleben statt miteinander. Ausgrenzungen gehören da durchaus dazu. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man das in einer »Blase« nicht wahrnimmt: In meinem Verein sind alle nett.
    Hier braucht es natürlich einen Wechsel, eine Änderung – oder die Akteure geben entnervt auf und verlassen die Stadt. Diejenigen, die Änderungen wollen, möchten etwas verbessern, weil sie Wert darauf legen, dass man auch in Zukunft vielleicht in Gelsenkirchen leben kann oder will. Diese Haltung halte ich für progressiver, als »Nestbeschmutzung« zu attestieren.

    Und mit dem Begriff des Rassismus zu hantieren, ist etwas schwierig. Wenn man soziale Probleme anspricht, die aus einem Nebeneinander von Kulturen entstehen, ist das nur dann Rassismus, wenn man etwas generell an Gruppen von Menschen festmacht. Sind die Nachbarn des Dortmund Spielers Dede Rassisten, weil sie nicht wollten, dass er seinen Müll im Vorgarten verbrennt? Er hat das gemacht, weil er das aus Brasilien so kannte.
    Man könnte vielleicht sagen: Lass doch, der kennt das von zuhause so.
    In Dortmund hat man gesagt: Schau mal, hier kommt ständig die Feuerwehr und verbranntes Plastik riecht komisch und ist auch giftig.
    Man muss auch nicht den ADAC rufen, wenn die Scheibe vereist ist etc.

    Diese Unterscheidung nicht zu treffen und kein soziales Miteinander zu fordern, ist eine gefährliche Geschichte. Es stärkt diejenigen, die radikale Lösungen anbieten, weil sie vermeintliche Denkverbote wittern. Denen kann man am einfachsten mit offener Kommunikation über Probleme begegnen. Nicht mit: Alles topp. Daumen hoch. Wir justieren noch ein wenig.

  4. Heinz Niski
    5. Mai 2017 at 22:56 #

    “furchtbar Deutsch” und die Analogie vom “bescheißenden” und “nachtretenden” Özdemir hat mich voll am Glaskinn erwischt. Da könnte ich, bei einigem bösem Willen, eine echt gute Rassismus Nummer draus konstruieren.
    Eine unaufgeregtere Bestandsaufnahme, eine etwas aus den ideologischen, lokal-patriotischen, chauvinistischen und und und sonstigen ismen befreite Bestandsaufnahme täte allen gut.
    Ich rede, diskutiere relativ regelmäßig mit Flüchtlingen über Gott & die Welt, über politische, soziale, kulturelle etc. Unterschiede / Gemeinsamkeiten und stelle immer wieder fest: die weisen recht locker auf Defizite hin, die im innerdeutschen Diskurs entweder komplett verleugnet oder sogar als destruktiver Griff in die Miasmen-Kloake “Nazi-Zeit” bzw. “AfD-Horrorshow” – oder noch einfacher: wenn du das .. dann du Nazi – gehandelt werden.
    Das sollte eigentlich doch mal aufhören, um Raum und Zeit zu lassen, eine Bestandsaufnahme zu machen und nach Lösungen zu suchen.
    Den Überbringer der schlechten Nachricht zu köpfen, ist archaisch. Zitze ist eigentlich Dompteur des limbischen … auch in Wahlkampfzeiten.

  5. Dennis
    6. Mai 2017 at 12:10 #

    “Dompteur des limbischen” – hasse schön gesagt Heinz 🙂 Aber worauf ich hinweisen möchte: Mein erster Gedanke nach Lesen des Interviews war keiner, der mich an eine rassistische Idee erinnert, sondern eher das exkludierende Bewusstsein des Wirts bei gleichzeitig vehementer Forderung nach Inklusion zum Multikulti. Das passt ja nicht zusammen. Beim zweiten Lesen empfand ich die Äußerungen nur noch brutal rassistisch und fast schon anmaßend. Wie kann ich mich den selbst erhöhen und anderen Kulturen den positiven Anspruch an sich selbst absprechen? Selbst intellektuell maskiert, wie das ganze Interview ablief, ist das nur schwer zu ertragen. Selbstverständlich bin ich NICHT der Meinung Özedemir sei ein Rassist. Um Gottes willen. Allerdings muss man aufpassen, was man in Interviews so vor sich hin sinniert. Das aufgezeigte Beispiel war nicht so toll.

  6. Tymon
    10. Mai 2017 at 22:48 #

    Wie ich das verstehe, – jedoch ohne eine Universität besucht zu haben – meint Cem, dass MEHRERE Monokulturen NEBENEINANDER existieren, OHNE einander zu berühren. Also, Türken verkehren mit Türken, Deutschen mit Deutschen, Rumänen mit Rumänen usw. usf.! Multikulti impliziert für ihn abetr, dass mehrere Kulturen sich miteinander beschäftigen und vermischen. Eigentlich nicht schwer, oder? Ich meine, ok, es ist wirklich zuweilen etwas sehr kleinkrämerisch und öd in dieser Stadt, aber aus diesen Äußerungen etwas “brutal rassistisches”/Nazihaftes herauslesen zu wollen, finde ich etwas SEHR konstruiert. Tut mir wirklich leid, euch den Spaß an dieser Stelle zu vermiesen.

    P.S.:
    Dennis – ein bisschen hin und hergerissen, so? : ” Mein erster Gedanke nach Lesen des Interviews war keiner, der mich an eine rassistische Idee erinnert.” — dann: ” Beim zweiten Lesen empfand ich die Äußerungen nur noch brutal rassistisch..” — und schlussendlich: ” Selbstverständlich bin ich NICHT der Meinung Özedemir sei ein Rassist..” — Hmmm. Magst du vielleicht nochmal tief in dich gehen, bei nem heißen Wannenbad und ner Tasse Tee?

  7. Dennis
    11. Mai 2017 at 11:59 #

    Ich habe Cem Özdemir inhaltlich durchaus verstanden, einer Erläuterung des Begriffs Multikultur bedarf es nicht. In Teilen , etwa mit Blick auf libanesische Großfamilien, hat er auch Recht. Özdemir generalisiert jedoch unzulässig und spricht von ganz Gelsenkirchen. Darüber hinaus exkludiert er sich explizit aus “dieser Stadt Gesellschaft” und kritisiert gleichermaßen, dass die “Monokulturen” sich nicht integrieren wollen.

    Tymon, ich bin schon deshalb hin und hergerissen, weil Cem eigentlich eher ein politisch linkes Image in dieser Stadt pflegte. Auch der Publikumsverkehr im Lokal war doch eher links. Derartige Äußerungen dann zu lesen, irritiert. Von Nazihaften hab ich nix gesagt. Und was ich als rassistisch interpretiert habe, steht im Text.

    Ich könnt hier alle auf mich einreden, was für ein böser Schreiberling ich doch bin, dass denken ja viele. Leider ist es Fakt, dass viele relevante Stimmen in dieser Stadt über das Interview entsetzt waren. Nicht jeder äußert sich, aber sein Weggang hätte harmonischer sein können. Musse mir also nicht böse sein, Hase.

  8. ruhrreisen
    18. Mai 2017 at 16:42 #

    Für mich war dieser Wirt ein guter Gastgeber – immer mit einem zweiten Gesicht. Viel Glück in Deutschlands prekärster Stadt des Nordens!

    Wer nicht erkennt, dass die Stadt kippt, weil wir es im “Süden” mit einer Mischung aus (mehreitlich männlichen) Kriegsflüchtlingen, krimineller Verschiebemasse aus Osteuropa und überdurchschnittlich eigener Armutsbevölkerung zu tun haben – trägt Scheuklappen oder wohnt in Buer, Resse oder Resser Mark. So Leid es mir tut: Diese Stadt braucht dringend eine Obergrenze – sonst packt sie die Masse an Sozialproblemen nicht mehr.

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