Bloemfontein reloaded!

Ich nehme hier mal völlig unverblümt Stellung zu Kais Eintrag unter der Überschrift „Wembley reloaded„. Das besagte Achtelfinale der diesjährigen FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft war das erste Spiel des Turniers, dass ich mir vollständig angesehen habe – mehr oder weniger unfreiwillig. Sie erkennen daran mitunter, wie defizitär es um meinen sportlichen Nationalismus oder nationalistischen Sportismus bestellt ist.
Trotzdem bleibt die für jedes regelvertraute Auge entscheidende Schlüsselszene gleich: Lampards Schuss, der den Ball in den Kameraeinstellungen hinter der Torlinie aufsetzen lässt. Der eigentliche Ausgleich zum 2:2, ein vermeintlicher Anreiz für die „Three Lions“, ein Moralschub, der die deutsche Elf womöglich aus dem Turnier geworfen hätte… Der Raum für konsekutive Theorien scheint unbegrenzt.
Im Rahmen einiger fragwürdiger Entscheidungen der vermeintlich Unparteiischen, von denen ich allerdings nur aus den Medien erfahren habe, stelle sich sogleich die Frage ein, ob nun nicht endlich der Videobeweis für die Schiedsrichter bereitgestellt werden müsse. Technisch ist das seit Jahrzehnten eine Lapalie, kein Zweifel. Aber ist es wirklich wünschenswert?

„Fußball ist Drama!“

Grade hier im Ruhrgebiet ist Fußball eine Herzensangelegenheit – zumindest für die entsprechenden Anhänger. Ich kann mich noch gut an meine Grundschul- und Gymnasialzeit erinnern, in der die jeweils individuell als „falsch“ empfundene Antwort auf die Frage nach dem Lieblingsverein Repressalien, Schmerzen oder ein paar ausgedehnte Fluchtrunden über den Pausenhof nach sich zogen. Das in Kombination mit blindem und/oder unreflektiertem Nationalstolz … nichts für mich, danke! Das Phänomen des „Public Viewing“ belegt aber, dass es mehr als genug entsprechender Individuen gibt, ohne damit die übrigen Anhänger vom unreflektiertem Nationalstolz freisprechen zu wollen.
Es erscheint mir mehr als fraglich, anhand der sportlichen Leistung einer abgeschirmten Mannschaft ein nationales Wir-Gefühl aufbauen zu wollen. Es sind ja nicht elf alkoholkranke Couchkartoffeln, die da über den südafrikanischen Rasen rennen und nach Jabulani treten, sondern exklusive, männliche Profi-Athleten. Repräsentation im Sport?

„So ein Spiel würden Sie nicht sehen wollen.“

Aber kommen wir zurück zur Forderung des Videobeweises. Knappe 150 Jahre gibt es die heutige Form des Fußballs, Änderungen hin oder her. Das sind Dekaden voller Euphorie, Spannung, Zerrüttung, Freude, Ärger, Krieg und Frieden. Fußball ist Emotion im Wettkampf, die halbwegs friedliche Austragung eines kriegerischen Spiels. Das alles bleibt; oder vielmehr: es blieb bisher. Denn entscheidend war und ist immer eins: der Mensch. Der Mensch am Ball und ganz besonders auch der Mensch an der Pfeife, der Gott der Partie: der Schiedsrichter.
Der Schiedsrichter ist quasi primus inter pares: er folgt den gleichen Regeln des Spiels wie die anderen 22 Spieler und seine beiden Assistenten. Der Detailgrad der Auslegung liegt letztlich bei ihm, somit ist der Schiedsrichter letztlich immer eine Variable, keine Konstante. Er entscheidet über Wohl und Wehe – aber unparteiisch. Und genau darauf sollte das zentrale Augenmerk bei der ersten Riege der Fußball-Schiedsrichter liegen.

ratio technica – irratio humana

Es ist der große Zweikampf zwischen dem technisch Möglichen und dem letztlich Wünschenswerten. Ist der durch Maschinen und Technik realisierbare vermeintliche Vorteil tatsächlich erstrebenswert? Oder würde er eher zu einem Overkill führen, der Spaß und emotio aus sportlichen Ereignissen verbannt, wie Netzer es prognostiziert?
Was ist das Leben ohne Emotion; ohne Liebe, ohne Hass; ohne Glück, ohne Enttäuschung? In der regulären „Spielzeit“, in der Verlängerung, im Elfmeterschießen; in den ganz eigenen Beziehungen die sich daraus und/oder darauf entwickeln? Als Wissenschaftler arbeite ich in und mit der ratio , als Geisteswissenschafler gelegentlich auch mit der emotio. Denkt man den professionellen Sport aber als Unterhaltung für das Publikum, hat hier weiterhin die emotio das Ruder in der Hand zu halten – unter Einhaltung geltender Regeln.

Und schließlich: was wären Fußball-Weltmeisterschaften ohne die Italiener und ihre so bespaßenden Schwalben? Der Videobeweis würde die tieffliegenden Südeuropäer viel zu schnell disqualifizieren und wenigstens in der Gruppenphase will man die Taucher doch sehen, oder?

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