Vor ungefähr einem Monat bat mich ein alter Freund aus der Abizeit, die Diplomarbeit seiner Freundin gegen zu lesen. Es könnte mich als Sozialpsychologe durchaus interessieren, denn es sei “abstrakter, theoretischer Shit, gepaart mit Business-Knowledge”. Achso, pflichtete ich bei. Ja, das könnte mich u.U. interessieren. Seine Freundin (,die ich nicht kenne) sei nun mit Ihrem BWL Studium an der örtlichen FH (Nein, nicht in Gelsenkirchen) fertig und wolle nun nach dem Abschluss in die Unternehmensberatung einsteigen. Daher sei es wichtig, dass diese Diplomarbeit ein voller Erfolg wird. Eine Eins-Komma-Irgendwas, müsse angestrebt werden. Alles andere sei nicht akzeptabel für die Anstrengungen der letzten Wochen und Monate. Ich richtete mich innerlich auf Arbeit ein, denn was mein Freund da so erzählte, klang nach mindestens 120 Seiten.
Als er mir die Arbeit dann mailte, war ich (nicht nur) über die Dateigröße erstaunt. 145kb geistiger Erguss. 24 Seiten, davon 1 Deckblatt, 5 Seiten Literaturverzeichnis, 2 Seiten Inhalt, macht Netto 16 Seiten eigene Leistung, bei abenteuerlichster Formatierung: Arial 12, 1,5 Zeilen Abstand, sagen wir also NETTO NETTO 12 Seiten eigene Leistung. Thema : “Worth of Mouth: Eine sytem- und kommunikationstheoretische Erörterung der Mund-zu-Mund Propaganda auch aus Sicht der BWL, Soziologie und Psychologie.”
Spätestens da war mir- ohne weiter gelesen zu haben - klar, dass diese Arbeit, wenn es nicht nur ein Exposé war, was mir der Freund da anstelle der Dipl. Arbeit zugemailt hatte, nicht in die klimatisierten Büros der Unternehmensberatungen führte, sondern direkt in den Papierschredder. Der Titel, nein sogar nur der Aspekt der Systemtheorie könnte Bände füllen. Diese Dipl. Arbeit aber maßt es sich an, Autoren wie Luhmann, Habermas, G.C.Jung und Meffert auf 24 12 Seiten zu verdichten. Das konnte nichts werden. Beim Lesen blieb mir die Arbeit dann den versprochenen “theoretischen Shit gepaart mit Business-Knowlege” schuldig, genau wie die zuvor genannten Autoren. Kommunikation systemtheoretisch zu erläutern ohne den Namen Luhmann zu nennen, ist so wie das Internet ohne Computer erklären zu wollen. Oder Web 2.0 ohne die Begrifflichkeit Internet. Mal davon abgesehen, dass mir eine Dipl. Arbeit mit 24 Seiten noch nicht unter gekommen ist.
Ein bisschen in Panik rief ich dann noch am selben Abend gegen 23 Uhr zurück und hatte auch gleich die Freundin am Telefon. Ich versuchte ihr möglichst schonend beizubringen, dass sie DAS AUF GAR KEINEN FALL abgeben kann. Sie, die mich ebenfalls nicht kennt, fand das aber “nicht nett” und stellte mir kurzerhand die Frage, wer ihr das bitte sage? Von einem “Geisti” lasse sie sich soetwas nicht sagen. Ich sei ein arrogantes Arschloch.
Gestern hat mich mein Freund dann angerufen und mir mitgeteilt, dass die Ergebnisse vorliegen. Für eine Eins-Komma-Irgenwas habe es nicht gereicht, es sei eine 3,7 geworden. Aber, seine Freundin sagt, der Professor am Institut sei ein arrogantes Arschloch.
Das halte ich persönlich für ein Gerücht, denn wer für so eine Arbeit eine 3,7 vergibt, der muss ein dummes arrogantes Arschloch sein.



October 2nd, 2008 at 15:51
Ui, so etwas ähnliches hatte ich auch schon mal. Eigentlich will man ja nur nett sein.
LG,
Annabell
October 2nd, 2008 at 16:52
*sich vor Lachen unterm Schreibtisch wiederfindet*
Hab ich’s nicht schon immer gewusst, dass du ein AK bist??
(frei nach Mittermeier ^^)
Was den armen, armen Prof angeht, so wird der wahrscheinlich nen “freundlichen” Tag gehabt haben, dass er noch so gnädig war dafür ne 3,7 rauszurücken, was ja im Endeffekt nichts mit Dummheit zu tun hat.
Allerdings sei wenigstens ein klitzekleiner Einwand zur Verteidigung der Freundin deines Freundes gesagt, dass alle Arbeiten eigentlich in Arial und 1,5 zeilig zu schreiben sind!!
Das ist so gut wie immer Vorgabe des Profs, wie du eigentlich auch wissen solltest!
Was nun die Quantität solcher Arbeiten angeht, lass ich es dahingestellt, ob für eine Diplomarbeit 12 oder 14 Seiten ausreichend sind, denn das muss/sollte jeder selbst entscheiden.
SCHERZ BEISEITE!!!
NATÜRLICH REICHT ES NICHT!!! °|°
Wie kommt man auch nur annähernd auf sone Schnappsidee?????
Im Normalfall sind das mindestens 100 und mehr Seiten…..
Einfach herrlich diese FH-Blondchen….
(wobei blond hier im übertragenen Sinne gemeint ist und absolut nicht im Kontext der Haarfarbe zu verstehen ist!)
So long….
The Doctor
October 2nd, 2008 at 17:11
@Annabell: Ich hab’s wirklich nett gemeint, obwohl ich mir innerlich schon so ein bissi dachte, ob die mich veräppeln wollen.
@Doc: Das war nicht so lustig, ich hatte mich darüber geärgert. Und jetzt ärgere ich mich darüber, dass man mit soetwas durchkommt. Das hat schon was von Fremdschämen.
October 2nd, 2008 at 18:13
Hmm, dann darf ich dir meine Arbeit gar nicht schicken!!
Die ist nämlich auch Arial 12 und anderthalbzeilig geschrieben, wie mir gerade aufgefallen ist! lalalala
October 3rd, 2008 at 10:58
großartige Geschichte!!! Ich kann nicht mehr…
October 3rd, 2008 at 12:19
Ich glaub, der Mensch erfreut sich nur am Trauerspiel
October 3rd, 2008 at 20:35
Es ist ein Trauerspiel, das aber auch erklärt, wie unprofessionelle Vollpfosten in höhere Positionen bzw. Berufe kommen. 3,7 ist ja fast gleichzusetzen mit “aus Gnade durchgewunken”. Vielleicht gab’s auch noch Tittenbonus ala lachschon.de ^^
October 7th, 2008 at 19:38
Hi,
Also so eine arbeit dürfte nicht mal angenommen sein, denn laut DPO muss sie doch mindestens 80 Seiten ohne Titelblatt und Quellenangaben und so beinhalten, anderesfalls ist man automatisch durchgeflogen. Wie die da auf 3.7 Kommen ist mir schleierhaft. Das einzige was richtig war, ist wohl nur die Formatierung
Aber krasse geschichte! Bei uns auf der FH galt schon 90 Seiten als nicht seriös. Obwohl, wenn ich jetzt einige DA-n lese, bestehen die zu über 50% mit allgemeiner Theorie, die sich immer wieder von der Arbeit zur Arbeit wiederholt nur mit einer anderer Darstellung.
Michael