Alice Schwarzer gehört in Deutschland zu den einflußreichsten Gender- Soziologinnen und Frauenrechtlerinnen, zumindest an populären Maßstäben gemessen. Als fast legendär würde ich ihren öffentlichen Disput mit Verona Pooth bei Kerner bezeichnen, bei dem sich Schwarzer zeitweise selbstdiskreditierte. Ganz unrecht hat Schwarzer nie, doch versteht sie es offenbar nicht, ihre Ansätze und Meinungen mediengerecht zu kommunizieren. Ihre Hasstriaden auf vornehmlich primitive und kongnitv naturbelassene “Gangster-Rapper” mag man durchaus unterschreiben, wenn sie es denn unterließe, sich sprachlich und kommunikativ auf das Niveau der Gangsterrapper herabzulassen. Es steht einer (über?-) emanzipierten Frau einfach nicht gut, wenn sie mit Worten wie “Fick dich du Hure” umsich wirft. Auch dann nicht, wenn sie sie bloß zitiert.
Aktuell hat sich Schwarzer auf BUSHIDO eingeschossen, den sie glaubt durchschaut zu haben. Das hat sie auch, nur wählt sie wieder eine Tonalität, die von den Jugendlichen gegen sie funktionalisiert wird, was sie sehr wahrscheinlich in der Konsequenz als “Witzfigur” erscheinen lässt. Mit
“Hey Bushido,
als ich dich vor drei Jahren in meine Talkshow einlud, um mit dir über deine kruden und menschenverachtenden Songs zu reden, da hast du gekniffen. Jetzt sehe ich im Internet, dass du davon träumst, mit mir zu sprechen. Und in deiner Phantasie stellst du dir vor, dass ich zu dir sage: “Hey, Bushido, wie waren denn die Titten damals von deiner Mutter? Als du als kleiner Junge daran gesaugt hast.” Und du würdest mir antworten: “Ey, Fotze! Fick dich ins Knie! [...]“
, beginnt Schwarzer ihren aktuellen offenen Brief an Bushido. Schwarzer hinterfragt die soziale Rolle seiner Mutter vor dem Hintergrund der Abwesenheit des Vaters sowie Bushidos Fähigkeit zur Emphatie:
“[...] Ja, schon klar, Bushido: Du bist irgendwie zerrissen. Zwischen dieser deutschen, ergebenen Mutter und diesem tunesischen, abwesenden Vater. Der war schwach – aber stark genug, deine Mutter regelmäßig zu verprügeln.
Und welche Lehren hast du Muttersohn daraus gezogen? Die, gewalttätige Männer zu verachten? Nein, im Gegenteil: Du identifizierst dich mit dem Täter! Auch du verachtest die Frauen. Wir sind für dich nur Fotzen, die man von hinten fickt.”
Bushidos Gangsterimage führt Schwarzer ebenfalls vollständig ad absurdum und verkehrt es ins Gegenteil:
“[...] Jetzt gehst du also Mainstream in Berliner Salons, trägst steingraue Edeljackets und dinierst mit deiner Filmmutti Hannelore Elsner im Borchardt oder machst Smalltalk mit CSU-Seehofer. Der hält dich vermutlich, ganz wie dein midlifekrisender Filmproduzent Eichinger, für ein Sesam-öffne-dich zur rebellischen Jugend.
Du bist aber nur ein kleinbürgerlicher Spießer, der die echt Verzweifelten abzapft. Also ganz ehrlich, Bushido: Respekt kann ich davor nicht haben.”
Alice Schwarzer spricht mir gewissermaßen aus dem Herzen, ich fürchte nur auch diesesmal wird ihre Aktion Bushido viel viel mehr Nutzen stiften als schaden. Denn: Bushidos Zielgruppe versteht ihren Text nicht. Und die Mehrheit derjenigen, die ihn verstehen, kennen Bushido nicht.
Alle Zitate: www.aliceschwarzer.de


February 9th, 2010 at 18:17
Es ist wohl schwierig, sich für eine Klientel angemessen verständlich auszudrücken, von der man selbst so extrem weit entfernt ist, dass man quasi auf einem anderen Planeten lebt.
Ich bin mir allerdings auch nie sicher, was ich von Fr. Schwarzer denn nun wirklich halten soll. Einerseits wirkt sie für mich wie ein verstaubtes, etwas rückständiges Relikt aus den 80ern und “entspricht” meiner Lebensweise in etwa so sehr wie ein Skatabend in einer Altherrenkneipe. Andererseits finde ich ihre Ansätze und Kritikpunkte oft gerechtfertigt und nachvollziehbar. Aber vielleicht ist diese Sperrigkeit ja auch Teil ihres Erfolgsrezeptes. Man kann ja viel gegen Alice Schwarzer sagen, aber sie ist nach all den Jahren immer noch präsent und polarisiert.