Abzockende Blitzbirnen

Abzockende Blitzbirnen

Blitzer auf der Ringstraße in Gelsenkirchen sollen den Verkehr sichern.

Blitzer in Gelsenkirchen sollen Leben retten.

Ich weiß nicht, ob es an der nachrichtenarmen Zeit liegt oder an einer neuen PR Strategie der städtischen Presseleute, aber was die WAZ am Donnerstag  auf dem Titel und den Innenseiten der WAZ Gelsenkirchen veranstaltet, ist kein Journalismus, sondern – aus meiner Sicht – unreflektiertes Abschreiben von Pressenotizen und Hofberichterstattung. Dass beim Ordnungsamt und allen ähnlichen Untergliederungen der Stadt Gelsenkirchen ausschließlich Philanthropen, ja, ich will nicht sagen Götter arbeiten, das ist seit langem bekannt.

Nun aber erdreisten sich Verantwortliche der Stadt zum Lebensretter zu werden. Schon bald wird auf der Ringstraße geblitzt, war am Donnerstag zu lesen. Selbstverständlich um zukunftig tödliche Unfälle zu verhindern. „Stadt reagiert auf tödliche Unfälle“ titelte der Gelsenkirchener Teil der WAZ. Dass es sich ausschließlich um Sicherheitsbedenken beim Blitzen handelt, lässt ja schon der erste Satz des Berichtes erahnen: „Gute Nachricht für den Kämerer: Eine glatte Million Euro hat die Stadt im vergangenen Jahr von ertappten Rasern kassiert“ (vgl. WAZ GE, 3.Februar 2011). Wieviele Leben dadurch gerettet wurden, lässt sich hingegen leider nicht quantifizieren. Dass die Blitzerei aber genau mit der Rettung von Menschenleben legitimiert wird, ist natürlich schräg, aber eben nicht schräg genug, um von dem Scharfsinn des Redakteurs als „schönschreibe PR“ entlarvt zu werden.

Wie soll dem Redakteur bei soviel Scharfsinnigkeit auch auffallen, dass sich das Blitzen an der Willy-Brandt-Allee sowie an der Gewerkenstraße in Schalke wirtschaftlich nicht mehr lohnt, weil die Punkte bekannt und damit „verbrand“ sind. Es ist der reinen Güte der Verwaltung zuzurechnen, dass die Starenkästen demontiert werden:

„Die Verwaltung rüstet in sachen Starenkästen aber auch ab. Die so genannten stationären Geschwindigkeitsmessstellen an der Willy-Brandt-Allee in Erle sowie an der Gewerkenstraße in Schalke sollen in Kürze abgebaut werden, weil es sich dort nicht mehr um Gefahrenstellen handelt“ (vgl. ebd.).

Soso. Verwaltungen beschäftigen eben doch Götter, die beschließen, dass dort ab jetzt kein tödlicher Unfall mehr passiert und die „unfallverhindernden“ Starenkästen entfernen lassen. Weil Leben retten mit Blitzlicht auf Dauer aber auch langweilig ist, errichten die Götter der Stadt für teuer Geld jetzt zusätzlich Kreisverkehre an beiden A42-Anschlussstellen. Warum sich dort nicht auch Blitzanlangen zur Unfallvermeidung anbieten, bleibt im WAZ Artikel leider unausgesprochen.

Politessen voll Kraft und Zauber. Imagepflege für eine Berufsgruppe, die niemand braucht.

Es gibt ja die unterschiedlichsten Vorlieben für Berufsgruppen, ich mag genau zwei, die ich noch lieber mag als Investmentbanker. BaföG Berater und Politessen. Besonders letztere Berufsgruppe ist offenbar so arm dran, dass die WAZ im Innenteil der selben Ausgabe mit der Imagepflege des Berufsbildes beginnt und im „KABEL1“- Reportagenstil eine Stunde mit einer Politesse verbringt.  Auf fast einer ganzen Seite wird detailiert beschrieben, wie Politessen arbeiten und welchen Messmethoden sie sich so bedienen. Voll spannend und wer Donnerstag Morgen nicht schon auf Koffein war, der wäre mit Sicherheit bei der Lektüre wieder eingeschlafen.  Besonders das präsentierte Erfolgsrezept der vorgeführten interviewten Politesse ist vielversprechend: “ Man muss mit den Leuten reden.“ Immerhin nimmt der Leser als Erkenntnis daraus mit, das Politessen auch sprechen können. Doch dann dokumentiert der Artikel das [für diese Berufsgruppe] Unfassbare:

„Ein Auto stoppt im Halteverbot. Sie [Die interviewte Politesse] sieht , dass eine ältere Frau aussteigt und gemeinsam mit dem Fahrer einem offenbar gehbehinderten Mann mit verbundenem Auge, aus dem Wagen hilft. […] Dort ist eine Arztpraxis, weiß Karin T. Sie geht zum Fahrer, fragt ihn, ob er gleich wieder fährt – und ist mit der Antwort zufrieden. ‚Ich möchte ja auch noch in den Spiegel gucken können. Ich bin ja nicht auf der Jagd‘, sagt sie“.

Sie ist vielleicht nicht auf der Jagd. Ihre Kolleginnen sind es aber ganz offensichtlich schon. Nicht selten verwarnen Politessen am Medical Center an der Ahstraße selbst Krankentransporte, die Schwerstkranke zum Arzt bringen, erzählt man sich. Davon weiß Karin T. vielleicht aber gar nichts, sie will ja schließlich noch in den Spiegel gucken. Deswegen ist sie auch überzeugt:

„Es gehe nicht darum, möglichst viele Strafzettel zu verteilen, um möglichst viel Geld in die Stadtkasse zu bringen, sondern nur darum, den ruhenden Straßenverkehr zu ordnen.“

Jetzt verstehe ich auch, warum Starenkästen Leben retten. Danke liebe WAZ, für diese journalistische Höchstleistung.

(Foto: (CC) by cpt.hook )

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3 Kommentare zu “Abzockende Blitzbirnen”

  1. Jörg
    6. Februar 2011 at 11:35 #

    Habe mir bei dem Artikel die Frage gestellt, ob der Autor duch das Einflechten der Information, das Kämmerer sich freue, nicht implizit schon etwas Kritik deutlich werden lässt. Als aber dann noch Loblieder auf den Job der Politesse gesungen wurden, war ich mir nicht mehr sicher, was der Autor oder vielmehr die Autorin da sagen möchte. Im Nachhinein fehlt mir ein wenig die kritische Distanz in der Berichterstattung. Hat die WAZ ja manchmal.

  2. Volker S.
    7. Februar 2011 at 08:59 #

    Es mag ja sein, dass die ein oder andere Politesse schon mal ein Knöllchen verhängt, wo es nicht angebracht ist. Natürlich ärgert man sich als Autofahrer auch, wenn man die Parkzeit um ein paar Minuten überzogen hat und sofort einen Glückszettel am Scheibenwischer hat. Aber grundsätzlich sollte man die Arbeit der Ordnungshüter positiv sehen, auch wenn es schwer fällt. Ich möchte nänlich mal die Gesichter der Autofahrer sehen, wenn die Damen ihre Arbeit mal einen Monat einstellen und der gemeine Autofahrer Narrenfreiheit hat. Wenn er dann Beispielsweise Fußgängerzonen zu Großparkplätzen erklärt und Rettungswege für die Feuerwehr zuparkt. Wenn man dann auf einmal feststellt, dass Haltverbotszonen durchaus Sinn machen können, weil die LKW diese Passagen passieren können. Ich verspreche, dass der Ruf nach Politessen dann auf einmal riesengroß sein wird.

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  1. Der Ruhrpilot | Ruhrbarone - 6. Februar 2011

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